Hendrik Rost. Das Liebesleben der Stimmen

„Welt ist explodiert in der Fiktion“ heißt es in dem Gedicht Delinquenten. Die Zeile ist übertragbar auf die gesamte, in diesem Band enthaltene Lyrik, die wie ein aufgeschlagener Stein daherkommt, der in seinem Innersten prächtige Amethysten birgt. Sie findet sich in sieben Teile gegliedert, die überschrieben sind etwa mit „Ich habe Göttinnen gesehen“ oder „Honig für den Sturm.“ Die Themenwechsel in den einzelnen Gedichten sind rasant, deren Technik mit den Zungen der Gegenwartslyrik leckt.  Nicht selten entstehen dabei beachtliche Vexierbilder, die in ihren Verschränkungen zu experimentieren scheinen.

„Am Morgen ging ich früh zur Promenade. / Ein Sprung kopfüber in das eisige Wasser / nach dem Rausch und das Herz setzte / kurz aus. Schlag, dachte ich tauchend, / schlag, und fand mich selbst im Tausch.“

Rosts Gedichte sind gereift an Alltags- und Naturbeobachtungen. Komponiert sind sie aus deren  Vielstimmigkeit, die sich unter anderem aus den Lauten von Tieren, Landschaften, Gegenständen und Träumen speist.

„Auf unserem Staubsauger ritt ich mit, / wenn er mit dumpfem Urlaut durch die / Zimmer gezogen wurde, warmer Wind / wehte aus der Geschichte – “

Und hier und da überraschen sie mit philosophischen Erkenntnissen.

„Es hat sich mit der Erde / gedreht und Gelerntes in das dunkle verschlossene / Gedächtnis verschoben, in dem Abbilder von allem / als Todesahnung ruhen. Es weiß von alters her, “

Die Vibrationen der Seele, die zum Schweigen verurteilt ist, über Jahrtausende hinweg, sucht Rost so in eindrucksvoller Weise einzufangen.

„mit dem Wind oder dagegen? Ein großer Hund / kommt auf uns zugerannt und mit ihm die alte Angst, “

Klar konturiert liegt alles in der zugeteilten Zeit, die nicht ohne Metaphysik auskommt.

„Die Chamäleons haben als Geschöpfe / einen Platz zwischen Engeln und Menschen.“ Transzendenz wird zur Naturbeschreibung und ist hautnah zu spüren in den Zeilen dieses Lyrikers. Aber sie wird  auch immer wieder infrage gestellt. Der Nebel der Ungewissheit darüber bleibt zwar unbenannt, aber die Choreographie seiner Illusion im Konzert der Stimmen ist glänzend inszeniert und kreist um die Stimme des Dichters selbst, die bei all ihrer beeindruckenden poetischen Kraft überaus klar und präzise ist.

Hendrik Rost. Das Liebesleben der Stimmen. Wallstein, 2016

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317772-hendrik-rost-das-liebesleben-der-stimmen.html