Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck.

Der elfjährige Lennard wird getötet aufgefunden. Es ist an dem pensionierten Kommissar Jakob Franck, der Mutter die Todesnachricht zu überbringen. Damit wird das Glück einer ganzen Familie ermordet. Die dabei entstehenden Schreie der Mutter werden im Spiegel ihrer Erinnerungen inszeniert, die wie eine Parallelwelt anmuten, in der Lennard immer noch Fußball spielt. Das schneidet auch in die Seele der Leser, denn „Alles, was von der Meerzeit übrig war, hing verstaubt in einem Netz an der Decke des Kinderzimmers“. Die Aufklärung des Falles steht in diesem Kriminalroman gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wird mehr zu einer begleitenden Musik, einem Requiem.

Das bewährte Ermittlerteam Franck, Block und Holland arbeitet darin hochtourig, auch wenn Ani es lange auf unfruchtbarem Boden graben lässt. Gleichwohl tun sich hier weitere Abgründe in der Familiengeschichte des Mordopfers  auf, die nach Strategien sucht, um mit dem Tod des Kindes fertigzuwerden.

Die Versuche bleiben erfolglos, die metallene Dunkelheit lässt sich nicht abschlagen, und sie wird ewig anhalten. Die Eingeweide des Leidens sind darin meisterhaft ziseliert.

Wo bleibt darin der Gott?  Auch diese Frage wird gestellt in diesem poetischen Kriminalroman, der  seine metaphorischen Schlaglichter auf die Angehörigen eines Mordopfers wirft. Diese Gewichtung hebt ihn heraus. Friedrich Ani hat darin die Melancholie meisterhaft inszeniert. Sie wird zum stillen, grauen Traum, der den Überlebenstrieb der Figuren vergiftet, sie bis zum Schluss taumeln lässt.

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck. Suhrkamp, 2017

http://www.suhrkamp.de/buecher/ermordung_des_gluecks-friedrich_ani_42755.html

 

 

Willi Achten. Nichts bleibt

Zunächst hat der preisgekrönte Kriegsfotograf Franz Mathys das Leid nur von außen beobachtet, Steinigungen in Somalia etwa oder die Leichen in Srebrenica, und tatenlos zugesehen, während er ruhmsüchtig die Sensationsgier befriedigende Fotos erzeugte. Dies einzig um den gewinnträchtigen Leidvoyeurismus zu bedienen. Gleichwohl ist er angesichts dieses „Horrors“ „versehrt“. Er zieht sich mit seinem Sohn zu seinem Vater auf einen abgeschiedenen Hof zurück. Einziges Highlight:  Die Taubenzucht, die der Sohn abgöttisch liebt. Aber an dieser Liebe erkrankt das Kind lebensbedrohlich an den Lungen. Das Leid, welches Mathys bislang nur versehrt hat, dringt infolgedessen mehr und mehr in ihn selber ein. Obendrein wird sein Vater von zwei jungen Männern brutal zusammengeschlagen und landet auf der Intensivstation. Rachegelüste beginnen Mathys zu beherrschen. Sie leiten einen seelischen Zersetzungsprozess ein, der die gesamte Handlung des Romans dominiert. Der Mensch bleibt darin einer unverständigen Natur ausgeliefert, ihrer Schönheit und ihrer Erbarmungslosigkeit, in dieser Ambivalenz. Wobei die Schönheit immer wieder in diesem famosen Erzählen überwiegt. Und ohne diese Schönheit kann man die grauenvollen Bilder der Folter, der blutrünstigen Tierquälereien und Schlachtungsrituale, die den Text an einigen Stellen zu überfrachten scheinen, kaum ertragen, und ohne diese Schönheit könnte der Ich-Erzähler nicht überleben, ahnt man.  „In den Wiesen blühte Löwenzahn, ein Gelbton, der unter dem dunklen Himmel flackerte.“

Die Rache, mit der er auch glaubt die Kriegsopfer zu rächen und somit seine Schuld des tatenlosen Zuschauens abzuarbeiten, entfernen ihn dabei immer mehr von den Menschen, die er liebt, von seinem Vater, seinem Sohn und Karen, seiner Geliebten, die er an einen reichen Mann verlieren wird. Dem Titel des Buches gemäß bleibt dies nicht der einzige Verlust.

Ein poetischer Kriminalroman, der voller Weisheit steckt und in weiten Strecken an das Erzählen von Knut Hamsun erinnert, vor allem in der Tragik seines aufrechten Ganges.

Willi Achten. Nichts bleibt. Pendragon, 2017

http://www.pendragon.de/book/nichts-bleibt/