Henning Kreitel. warten auf erneut

„alle seiten stürzen – / unaufhörliche salven / leise buchstabentöne / verstummen auf dem weg“. Die Gedichte dieses in seiner Zartheit beeindruckenden Lyrikdebüts sind wie Sprühregen, denn es geht um ungefilterten Geist, psychisches Beben. Der Ton der rhythmischen Zeilen ist originell, ahmt in keiner Weise schon Vorhandenes nach, scheint sich an keinen Vorbildern zu orientieren. Das ist es, was jene poetischen Momentaufnahmen so sympathisch macht. Der rote Faden in den einzelnen Texten ist rosa. Wie gehaucht berührt er tiefe Seelenstrukturen, deren Darstellung dem analytischen Geist kryptisch erscheinen mögen.

Hat man es mit Idyllen zu tun, poetischen Schönfärbereien der Innenwelten? Mitnichten. Immer wieder sind die inneren Reiche bedroht von einer unverständigen Außenwelt und ihren kühlen, kompromisslosen Gesetzmäßigkeiten. “tief in die seele der stadt der straße / organisch gewachsene / träne des schlaglochs / bereit zur reise ins innerste“.

Empfindlichkeiten und Empfänglichkeiten der Psyche auf dem Radar der Außenwelt sind ein zentrales Thema. Bei der Inszenierung dessen lässt Kreitel allerdings Milde walten. Ein vorsichtiger Lyriker, der, selber Photograph, seine Texte mit eigenen berückenden Bildern des Abend- und Morgenhimmels illustriert hat. Sie kommen minimalistisch daher wie die Gedichte selbst. Eine der Essenzen des Minimalismus, riesige Räume auf den Punkt zu bringen, ohne dabei zu verengen, findet sich in beidem, in ansprechender, wenngleich auch schüchterner Weise zum Ausdruck gebracht. Dabei sind die Gedichte durchaus von starken Bildern getragen, die, immer wieder durch die Verwendung prächtiger Wortneuschöpfungen an Intensität gewinnen. „dunkelüberstülpendes / wimpernschloss / – glasurversiegelt / süßkonserviert / hitzelos ein geheimes // nachgestern – / zu gewollte ewigkeit“.

Oft genug sind Kreitels Innenwelten, die wie feinstes Porzellan anmuten, auch wehrlos, was einige Gedichte geradezu tragisch macht. Vielleicht weht dem Leser deshalb zur Entlastung hier und da ein Anflug philosophischer Betrachtungen entgegen, der aber oft nicht zu Ende gedacht wird. Weil er sich nicht zu Ende denken lässt? Weil Philosophie ohnehin aus Anflügen besteht, aus künstlichen Kapriolen eines unzureichenden menschlichen Geistes, der den gesamten Weltzusammenhängen niemals gerecht werden kann?

„schicksal // dinge entstanden / der grund waren wir // tore öffnen sich // gelenkt durch fremde hand / finden wir uns“.

Diesem Lyriker ist noch so einiges zuzutrauen.

Henning Kreitel. warten auf erneut. Lyrik und Photographie. Mitteldeutscher Verlag, 2017

http://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/kreitel,-henning-warten-auf-erneut-detail

André Schinkel. Bodenkunde

André Schinkels Gedichte sind die leisen Botschaften im Relief von Muscheln am Strand,  salzig und erdnah. Sie zerstäuben Weisheiten, die sich der Transzendenz verweigern, gleichzeitig aber transzendent sind, wie es die Lyrik, als zweite Stimme des Geistes nur sein kann.  „Immer wieder pflanzt // Muhme Natur dir Ane- / Monen und Wollgras / Ins Anlitz – allein du / Gibst dich, ein schweigender / Dämon, für Stürme und “. Gern bricht diese Stimme, die in starken Rhythmen spricht, Idyllen auf, wenn sie sich über Natur und Geröll erhebt. „Wirrer Ausbruch der / Frühe, von den Quellen, ins / verröchelnde Nichts.“

Auf wissenschaftlichem Gebiet arbeitet Schinkel interdisziplinär, spürt, nach eigenen Angaben, der Annäherung zwischen Archäologie und Literatur nach – da hätte der Titel des Bandes treffender nicht ausfallen können. „Du steigst hinauf, die verlorenen Lieben zu zählen: das / Licht über dem Tal: der Fuß im Stein eine Auster.“

Zuweilen ist man an die Gesänge des Ossian in Goethes Werther erinnert. Wenn auch mit vollkommen anderer Intention. Nicht Verzweiflung, sondern Erstaunen pflastern den Enthusiasmus, mit dem die Steilufer der Lebenszusammenhänge beschrieben werden, der „Samtsaum deiner Hüften“ etwa oder „Die Mammutsteppe / Im neuen Jahrtausend, bis / An den Rand gefüllt:“  Die Webart dieser Gegenwartslyrik scheint mit dem Pathos vergangener Jahrhunderte zu spielen. Avancen an die alten Meister oder Fortsetzung einer Melodie, die über den Zeiten vibriert? „Das ist der Bogen / Am Ende der Sehnsucht,“ Wo ist ihr Anfang? Von „gestirnloser Hoffnung“ ist die Rede.

Kann die Liebe retten? Aber „Wir sind Rosen-Käfer im Wind der Verdammnis“ sagt das lyrische Ich zu der Geliebten. Die Liebesgedichte sind atemberaubend, flirren vor Anmut und Schönheit wie die Geliebte selbst. „Du bist eine Lilie / Aus Lodern und Schnee.“ Aber auch sie bleiben der Endlichkeit als ihrer eigentlichen Göttin ergeben. „Glücklich über den einen / Moment, bevor die Welt, eine/ Unstillbare Liebe, mit ihren Apokalyptischen Jungfern, // Bananenstauden, den Hexen / Und Eichelhähern wieder / Versinkt. Besinne dich nicht – / Es gibt kein weiteres Mal.“

Ein großer Lyriker hat hier beeindruckende Kostproben seines Könnens vorgelegt, Gedichte, die, interdisziplinär gedacht, an die Inklusen im Bernstein erinnern.

André Schinkel. Bodenkunde. mitteldeutscher Verlag, 2017

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