Sascha Kokot. Ferner

„auf meinen Beinen schläft im weißen Pelz / die Unruhe am Morgen / der Hunger in den Abendstunden / die wärmende Behaglichkeit dazwischen“.

Die Gedichte des Lyrikbandes Ferner sind dunkel grundiert. Sascha Kokot zeichnet ein bleiches Gesicht in diese Dunkelheit. Es lacht nie. Aber es hat schöne Züge, die in den fünf Teilen des Buches unter anderem ausgeleutet werden. Die Menschen darin, das Wir, das Du und das lyrische Ich scheinen verzweifelt, von Ängsten geplagt.“Angst in dir hat sich schon lange / ihren Platz gesucht und schläft dort ruhig / lässt dich unbewacht“.

Und es ist Winter zumeist „doch mir bleibt der Polarfuchs / auf meinem Schoß in sich verschlungen / und meine immer milder werdenden Winter /

Ein Hauch Lyrik Noir – wenn es den Begriff denn gäbe -, die seismographisch ihre Zeit abfühlt, die Unruhe und Rücksichtslosigkeit des urbanen Lebens, ihre Kälte und Tristesse, macht Kokots Gedichte so faszinierend, so eindringlich.

„wir wissen nicht was vonnöten sein wird / fest steht nur die Kälte zieht an / und wir füllen langsam das Schrot / in die Patronen“. Und „halten wir am Auftrieb fest / der uns hier oben trägt / in seinem kalten Bauch“ Die Resignation wird zum Überlebensprinzip, getragen von der Schönheit der Melancholie, die sich in den Gedichten, wie in zerbrochenen Spiegeln abbildet. Die feine Maserung des Blattes auf dem aufwendig gestalteten Buchcover könnte dazu eine Variation bedeuten.

Sascha Kokot. Ferner. Edition Azur, 2017.

http://saschakokot.de/lyrik/ferner

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck.

Der elfjährige Lennard wird getötet aufgefunden. Es ist an dem pensionierten Kommissar Jakob Franck, der Mutter die Todesnachricht zu überbringen. Damit wird das Glück einer ganzen Familie ermordet. Die dabei entstehenden Schreie der Mutter werden im Spiegel ihrer Erinnerungen inszeniert, die wie eine Parallelwelt anmuten, in der Lennard immer noch Fußball spielt. Das schneidet auch in die Seele der Leser, denn „Alles, was von der Meerzeit übrig war, hing verstaubt in einem Netz an der Decke des Kinderzimmers“. Die Aufklärung des Falles steht in diesem Kriminalroman gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wird mehr zu einer begleitenden Musik, einem Requiem.

Das bewährte Ermittlerteam Franck, Block und Holland arbeitet darin hochtourig, auch wenn Ani es lange auf unfruchtbarem Boden graben lässt. Gleichwohl tun sich hier weitere Abgründe in der Familiengeschichte des Mordopfers  auf, die nach Strategien sucht, um mit dem Tod des Kindes fertigzuwerden.

Die Versuche bleiben erfolglos, die metallene Dunkelheit lässt sich nicht abschlagen, und sie wird ewig anhalten. Die Eingeweide des Leidens sind darin meisterhaft ziseliert.

Wo bleibt darin der Gott?  Auch diese Frage wird gestellt in diesem poetischen Kriminalroman, der  seine metaphorischen Schlaglichter auf die Angehörigen eines Mordopfers wirft. Diese Gewichtung hebt ihn heraus. Friedrich Ani hat darin die Melancholie meisterhaft inszeniert. Sie wird zum stillen, grauen Traum, der den Überlebenstrieb der Figuren vergiftet, sie bis zum Schluss taumeln lässt.

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck. Suhrkamp, 2017

http://www.suhrkamp.de/buecher/ermordung_des_gluecks-friedrich_ani_42755.html