Sabine Prilop. Schnee am Gänseliesel

Auf einem Schulgelände in Göttingen wird ein Frankfurter Pharmareferent mit einem Tanto Messer, einer Kampfwaffe der Samurei-Krieger, getötet. Eine Kokainübergabe missglückt, demzufolge, wie der Leser erfährt. Aber der Stoff ist verschwunden. Die an Schizophrenie erkrankte Elena, die unmittelbar nach der Tat einem ebenfalls getöteten Hund einen Altar errichtet, könnte alles beobachtet haben. Aber sicher sind sich die Kommissarinnen Regula Fach und Simone Böhm nicht. Und die Verdächtigungen gegen den Kleindealer Nico, bleiben sie haltlos? Herzstück im Labyrinth der Ermittlungen der Mordkommission ist das Drogenmilieu der südniedersächsischen Universitätsstadt. Es wird regiert von dem „Wächter“, der Beziehungen in die Führungsetagen bedeutender Firmen und Verwaltungen unterhält.

Sabine Prilop ist ein durchgängig spannender Kriminalroman geglückt, in dem alles immer wieder wie auf Messers Schneide zu stehen scheint. Von feiner Hand findet sich ein Konstrukt aus Brutalität inszeniert, mit seinen tragenden Säulen Macht, Geld, Eifersucht und Habgier. Mit äußerster Sorgfalt wird dazu detailliert die Polizeiarbeit geschildert.

Aber es gibt auch einen humorigen Unterton, der taktvoll daherkommt und sich nicht erlaubt, übermächtig zu werden, in einem Roman, der mit überraschenden Wendungen aufwartet. Den Psychogrammen skurriler Typen, lebensprallen Ermittlern und Kriminellen kommt man darin gleichermaßen auf die Schliche. Und das Finale ist grandios und macht dem Titel des Romans alle Ehre.

Sabine Prilop. Schnee am Gänseliesel. Wellhöfer Verlag, 2017

http://www.wellhoefer-verlag.de/?Krimis/Schnee_am_G%26auml%3Bnseliesel

 

 

 

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck.

Der elfjährige Lennard wird getötet aufgefunden. Es ist an dem pensionierten Kommissar Jakob Franck, der Mutter die Todesnachricht zu überbringen. Damit wird das Glück einer ganzen Familie ermordet. Die dabei entstehenden Schreie der Mutter werden im Spiegel ihrer Erinnerungen inszeniert, die wie eine Parallelwelt anmuten, in der Lennard immer noch Fußball spielt. Das schneidet auch in die Seele der Leser, denn „Alles, was von der Meerzeit übrig war, hing verstaubt in einem Netz an der Decke des Kinderzimmers“. Die Aufklärung des Falles steht in diesem Kriminalroman gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wird mehr zu einer begleitenden Musik, einem Requiem.

Das bewährte Ermittlerteam Franck, Block und Holland arbeitet darin hochtourig, auch wenn Ani es lange auf unfruchtbarem Boden graben lässt. Gleichwohl tun sich hier weitere Abgründe in der Familiengeschichte des Mordopfers  auf, die nach Strategien sucht, um mit dem Tod des Kindes fertigzuwerden.

Die Versuche bleiben erfolglos, die metallene Dunkelheit lässt sich nicht abschlagen, und sie wird ewig anhalten. Die Eingeweide des Leidens sind darin meisterhaft ziseliert.

Wo bleibt darin der Gott?  Auch diese Frage wird gestellt in diesem poetischen Kriminalroman, der  seine metaphorischen Schlaglichter auf die Angehörigen eines Mordopfers wirft. Diese Gewichtung hebt ihn heraus. Friedrich Ani hat darin die Melancholie meisterhaft inszeniert. Sie wird zum stillen, grauen Traum, der den Überlebenstrieb der Figuren vergiftet, sie bis zum Schluss taumeln lässt.

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck. Suhrkamp, 2017

http://www.suhrkamp.de/buecher/ermordung_des_gluecks-friedrich_ani_42755.html

 

 

Willi Achten. Nichts bleibt

Zunächst hat der preisgekrönte Kriegsfotograf Franz Mathys das Leid nur von außen beobachtet, Steinigungen in Somalia etwa oder die Leichen in Srebrenica, und tatenlos zugesehen, während er ruhmsüchtig die Sensationsgier befriedigende Fotos erzeugte. Dies einzig um den gewinnträchtigen Leidvoyeurismus zu bedienen. Gleichwohl ist er angesichts dieses „Horrors“ „versehrt“. Er zieht sich mit seinem Sohn zu seinem Vater auf einen abgeschiedenen Hof zurück. Einziges Highlight:  Die Taubenzucht, die der Sohn abgöttisch liebt. Aber an dieser Liebe erkrankt das Kind lebensbedrohlich an den Lungen. Das Leid, welches Mathys bislang nur versehrt hat, dringt infolgedessen mehr und mehr in ihn selber ein. Obendrein wird sein Vater von zwei jungen Männern brutal zusammengeschlagen und landet auf der Intensivstation. Rachegelüste beginnen Mathys zu beherrschen. Sie leiten einen seelischen Zersetzungsprozess ein, der die gesamte Handlung des Romans dominiert. Der Mensch bleibt darin einer unverständigen Natur ausgeliefert, ihrer Schönheit und ihrer Erbarmungslosigkeit, in dieser Ambivalenz. Wobei die Schönheit immer wieder in diesem famosen Erzählen überwiegt. Und ohne diese Schönheit kann man die grauenvollen Bilder der Folter, der blutrünstigen Tierquälereien und Schlachtungsrituale, die den Text an einigen Stellen zu überfrachten scheinen, kaum ertragen, und ohne diese Schönheit könnte der Ich-Erzähler nicht überleben, ahnt man.  „In den Wiesen blühte Löwenzahn, ein Gelbton, der unter dem dunklen Himmel flackerte.“

Die Rache, mit der er auch glaubt die Kriegsopfer zu rächen und somit seine Schuld des tatenlosen Zuschauens abzuarbeiten, entfernen ihn dabei immer mehr von den Menschen, die er liebt, von seinem Vater, seinem Sohn und Karen, seiner Geliebten, die er an einen reichen Mann verlieren wird. Dem Titel des Buches gemäß bleibt dies nicht der einzige Verlust.

Ein poetischer Kriminalroman, der voller Weisheit steckt und in weiten Strecken an das Erzählen von Knut Hamsun erinnert, vor allem in der Tragik seines aufrechten Ganges.

Willi Achten. Nichts bleibt. Pendragon, 2017

http://www.pendragon.de/book/nichts-bleibt/

Hannah 0´Brien. Irische Nacht

An Saimhain, der Nacht des 31. Oktober auf den 1. November, bleiben die Türen der Häuser auf den irischen Aran – Islands  unverschlossen, und es werden skurrile Kostüme angelegt. Die keltischen Naturgötter wechseln ins Winterlager, und die Geister der Toten kommen zu Besuch. Diese Berührung mit der Anderwelt wird auch in Pattie Burkes Bed & Breakfast gefeiert.  Der erfolgreiche Farmer Michael Lynch ist dort Gast und wird von dem mysteriösen „Green Man“, einem Mann in einem Baumkostüm ermordet. Ein Fall für die kantig liebenswerte Grace O´Malley vom Morddezernat in Galway, ihren Kollegen Rory Coyne und den Privatdetektiv Peter Burke.

Warum hat die Fiedlerin Tessa Kean in der Mordnacht während des Auftritts ihre Band verlassen und wurde erst am Morgen in fragwürdigem Zustand wiedergesehen? An dieser Frage entspinnt sich nur eine der vielen Geschichten, die Hannah O´Brien grandios zu einem Netz verknüpft hat, in der der Täter oder die Täterin am Ende haften bleibt. Auch jene der Traveller, des ungeliebten fahrenden Volkes, spielt darin eine große Rolle. Den Vorurteilen zum Trotz wird hier ein ehrbarer Menschenschlag geschildert, der von großem Familiensinn geprägt ist. Irlandtypisch ist auch das Recht Torf zu stechen. Mit einem dafür eigens gegründeten Verein, der sich gegen Umweltschützer zu behaupten hat, muss sich Grace O`Malley während ihrer Ermittlungen auch noch beschäftigen.

Im Fortgang der Handlung, in dem die Figuren immer mehr und wie beiläufig Farbe erhalten, nimmt der Kriminalroman zunehmend an Tempo auf. Dabei fesselt er auch an die Grüne Insel, denn er ist zudem als Hommage an Irland zu verstehen, in dem die Autorin lange Zeit gelebt hat. Das macht ihn so faszinierend, so schaurig-schön.

Dies ist der dritte Fall, den Grace O`Malley vor der Kulisse der weichen, grünen Weiten und „messerscharfen Klippen“ zu lösen hat.

Hannah O´Brien. Irische Nacht. dtv, 2017

https://www.dtv.de/buch/hannah-o-brien-irische-nacht-21675/

 

 

 

Lucie Flebbe. Totalausfall

Lila Ziegler ist Privatdetektivin und traumatisiert von der Vergangenheit. Sie glaubt, dass in ihrer Kindheit ihre Schwester durch ihre Schuld zu Tode gekommen sei. Und sie war einem gewalttätigen Vater ausgesetzt. Aber ihre Bemühungen, ihn vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen, sind nicht von Erfolg gekrönt. Als sie sich auch noch von ihren Freunden verlassen glaubt, schneidet sie sich die Pulsadern auf, kann aber gerettet werden und stößt auf blankes Unverständnis bei ihrem Lebenspartner und Kollegen Ben Danner. Um der geschlossenen Psychiatrie zu entgegen, lässt sie sich in die psychosomatische Klinik Birkenhain in Bochum einweisen.

Durch die drastischen Schilderungen des Klinikalltags schimmert immer wieder Humor, hier und dort, wo die Geschichte ihn brauchen kann, um sie aushaltbar zu machen. Denn Lucie Flebbe schaut porentief; alles scheint wie mit einer riesigen Lupe betrachtet: Die magersüchtige Romy, der Exrocker Rolf oder der Flüchtling Laurent, Mitpatienten. Alle  wissen, was es heißt, mit Grenzsituationen auf Tuchfühlung zu gehen. Und wie es sich herausstellt, sind sie nicht die einzigen. Auch das zuweilen skurril geschilderte Klinikpersonal hat zu kämpfen in einem Leben, das den Geltungsdrang nährt wie eine Kuh sein Kälbchen.

Die therapeutischen Maßnahmen schlagen bei Lila allerdings so gar nicht an, die sich immer wieder versucht, mit Sarkasmus und Ironie durch den Klinikalltag zu bringen. Erst als eine Psychologin tot aufgefunden wird, steigt ihr Überlebenstrieb wieder wie Phönix aus der Asche. Sie hat einen neuen Fall. Ihr neunter.

Totalausfall ist das letzte Buch in der Reihe um die Privatdetektivin Lila Ziegler. Dafür hat sich Luci Flebbe ein grandioses Ende ausgedacht. Überhaupt hat man es hier mit einem Page Turner zu tun. Spannung von der ersten bis zur letzten Seite ist garantiert. Man darf gespannt sein, was sich diese begnadete Krimiautorin, deren brillant gezeichneten Figuren vor Lebensechtheit nur so strotzen, als nächstes ausdenkt.

Lucie Flebbe. Totalausfall. Grafit Verlag, 2017

http://www.grafit.de/service/programm/buchdetails/titel/totalausfall/