Ars vivendi

Ich studiere zwischen den Vogelstimmen die Details meiner Zeit.

Blühende Blätter im Schnee. Umgeben von Grabluft. Erdbeerfarben.

Die Freude ist von den Tauben geliehen für die Ewigkeit in den Momenten.

Das Warten meines Gottes bleibt weise. Er schenkt mir silbernes Vergessen

für die Grauzonen meiner Jahresringe.

Ich lege die Ringe auf die Waage über dem Meer,

in dem die Nächte Augen haben, und vermeide

die schlaffe Schönheit des Überflüssigen.

Die Erde nickt und trägt.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell)

Die frühen Reisenden

Auf dem Bahnsteig schwimmen die Zigarillos

der frühen Reisenden im Mittelmeer vergangener Visionen.

Das anonyme Gesicht des Bahnhofs zerfließt in ihrem Rauch.

Die Augen auf dem Buchcover, in dem einen Laden, graben sich mir ein,

vorbei an Happy Donatz. Unsichtbare Kojoten sitzen auf Gleis 13

und verhindern die Einfahrt des Metronoms.

Sie heulen in die Choreographie der Getriebenen aller Herren Länder.

Pastellfarbene Seide aus Neu Delhi

und die Vakanz von englischem Tweed fallen auf.

Die New York Times klemmt unter dem Arm.

Das Kaleidoskop nach Übersee.

Parfümierter Körpergeruch setzt sich über die rollenden Koffer hinweg.

An den derberen Schuhen klebt schon die Herbstnote

des Indian Summer. Der Bahnsteig erträgt ihre Sohlen

und den Kot der Tauben, die aus dem Paradies geflattert kamen,

als ein Elender in einem Abfallkorb nach seiner Unschuld wühlt.

War sie nicht blau noch vor Jahren?

Die Sirenen auf den Geländern beobachten ihn. Sie sind ohne Alibi.

 

Kerstin Fischer

 

Orange

Die Farben. Wie junge Tiere. Ich nenne sie Glück.

Sie wohnen in meinem Haus, in dem Zimmer auf der rechten Seite,

gegenüber der Erinnerung, die wie einen Scherenschnitt aus den Kartoffeljahren fällt.

Auf dem Birkenweg nun Heiterkeit deshalb.

Meine Seele baut eine Straße unter den Pinseln, betäubt von Lila,

betrunken von Orange.

Das Papier ist hungrig.

Mein Hunger ist der Hunger des Papiers.

Ich zeichne den Hunger, bis das Papier satt ist.

Dann fallen die schwarzen Vögel aus den Himmeln.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell „Frau vor einem Hutladen“)

 

 

Lyrik Noire. Das Haus

 

Das Haus am Ende der Wege schluckt dunkle Gestalten.

Ihre dürren Körper krümmen sich in die triefenden Verhältnisse.

Die Mutter im Gedächtnis scheint wie Torf. Der Vater liegt tot unter Beton.

Und die Zeit lahmt seit der blutigen Geburt.

 

Philosophen meiden den Ort hinter den gelben Gardinen.

Sie werfen nur Botschaften in den stummen Briefkasten an der Hauswand.

Botschaften, die feine Finger im Licht befühlen …

Irgendwann nach zarten Träumen

 

Ein Wolf wohnt auch in dem Haus.

Sein Blechnapf rasselt zu der Geburt Christi.

Nun öffnet jemand die Dunkelheit.

Die Nacht vibriert in den Adern seines Gesichts.

Er legt seine Eingeweide auf das Schafott des Morgens

 

wie erschlagene Tiere.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell)

 

Sound der Metamorphose

Das trübe Licht in den weißen Koffern

vor der Flugreise. Es scheint in die Augen meines Gewöhnens.

Ich häute meine falsch angenommene Zukunft

daraufhin und sauge das Ranking aus meinen Wunden.

Splitterandacht. Die Priester der Zunft rutschen über das von mir gefrorene Eis

zurück in ihre stinkenden Täler. Schräglage. Dünnhäutig.

Ich fülle die Koffer mit blühenden Kirschbäumen.

Sie wachsen an neuen Wegen im Neigungswinkel der leichtgewordenen Steine.

Rohmaterial melodisch. Ich treibe die Inklusen aus dem Bernstein

und renne mit ihnen über das Papier

um das ungeschriebene Gedicht. Zäsur. Cut in der Anlage. Talent ist überwertet.

Schonungslos. Zäsur. Cut von Neuem.

Was zählt ist die weiße Körnung, in die die Wörter tauchen

und zu Schwänen werden oder Rohlinge bleiben,

die aus den Mündern unfertiger Monde fallen.

Zumindest das, wenn man Glück hat.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell „Mohnblumentänzer“)

 

 

 

 

 

 

 

 

Punkt.

In mir die Klänge des Lichts. Neubegehung. Schneehell.

Ich verabschiede das Fremde im Wichtigen.

Seidenreiner Ausgang meiner Sandspur. Einmal um den Schmerz der Erde.

Bis zum Meer. Und zurück? Vielleicht nicht gerade jetzt von

Wiedergeburt reden. Sie kräuselt das Klare im Glas der Gedanken.

Färbt die Tränen der Angst Oliv. Bis sie zu Früchten werden,

die steile schwarze Striche ernten, bevor sie den Atem in Tücher schlagen.

Ich sortiere die Buchstaben meiner Zeit neu an geträumten Flughäfen

und fliege mit ihnen nach Marrakesch, mit dem Pinsel

über die Körnung des Papiers. Artist. Das ist die Frage, die sich nicht stellt,

wenn die Farben in die Seele laufen. Einmal um die Freiheit

und nur nicht zurück.

 

Kerstin Fischer

Farbgebung

Die Gefährtin des Staubs legt ihre Hände über meinen Weg.

Meine Zeit zittert unter schwarzen Gittern,

an denen Papageien picken.

Die Gefährtin ist flüchtig.

Sie lebt nur einen Moment kalt wie Kristall.

Dann versteckt sie sich unter den Muscheln am See.

Ich rieche ihr graues Ufer bis es Erinnerung wird.

Ich binde die Erinnerung an die Weiden des Sommers

und tauche mein Herz in Mohnrot.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell)

Mit Adam

Vergiss nicht, den Zimmerklee zu gießen

tief unten in den geträumten Räumen.

Die Rosen brauchen auch noch Wasser.

Oder sind sie schon an ihrer Zeit verblüht?

Versenke deine Gedankenlosigkeit im Moor

und sprich mit Adam.

Er steht am Meer

und wartet.

Er ist taub für die Geigen im Dunkeln.

Geh mit ihm zu dir

am Nachmittag deiner Zeit

und sei taub

für die Geigen im Dunkeln.

 

Kerstin Fischer

 

Versuch über die Lyrik

Die Lyrik ist die zweite Stimme des Geistes. Als solche hat sie das Ohr an der grenzenlosen Vielschichtigkeit der Welt, denn sie kann fließende Übergänge erspüren, vor denen physikalische Gesetze versagen. Das öffnet Räume für neue Erfahrbarkeiten. Sie sind immer originell und die Möglichkeiten der Variationen, aus denen sie geboren werden, schier unendlich. Und diese Unendlichkeit kann zur Religion werden, da wo diese versagt, weil ihre Dogmen die filigranen Membranen des Geistes betäuben.

Deshalb unterwandert die Lyrik auch die Zeit, weil die Zeit Methode hat und als solche infrage zu stellen ist. Die Lyrik stellt sie infrage, in dem sie in der Morgendämmerung den Abend sucht und umgekehrt. Ist der Morgen im Abend? Oder ist das Gestern eine Erfindung auf den Spiegeln des Heute? Und ist der Traum realer als die Wirklichkeit? Die Lyrik gibt dem Atem unserer Träume ihr Wasserzeichen. Und Wasserzeichen kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das Licht hält. Und Lyrik kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das schrille Einvernehmen zwischen Pragmatismus und Geschäftsgebaren einer derben Unterhaltungskultur liest, die leisen Räume in den lauten Konzerthallen sucht. Und wer genau hinliest, entdeckt dabei seine eigene, unverwechselbare Musik, die sein Gestern, sein Heute und sein Morgen wie weiße Muscheln in zeitlose Meere sinken lässt, die nur ihm gehören.