Versuch über die Lyrik

Die Lyrik ist die zweite Stimme des Geistes. Als solche hat sie das Ohr an der grenzenlosen Vielschichtigkeit der Welt, denn sie kann fließende Übergänge erspüren, vor denen physikalische Gesetze versagen. Das öffnet Räume für neue Erfahrbarkeiten. Sie sind immer originell und die Möglichkeiten der Variationen, aus denen sie geboren werden, schier unendlich. Und diese Unendlichkeit kann zur Religion werden, da wo diese versagt, weil ihre Dogmen die filigranen Membranen des Geistes betäuben.

Deshalb unterwandert die Lyrik auch die Zeit, weil die Zeit Methode hat und als solche infrage zu stellen ist. Die Lyrik stellt sie infrage, in dem sie in der Morgendämmerung den Abend sucht und umgekehrt. Ist der Morgen im Abend? Oder ist das Gestern eine Erfindung auf den Spiegeln des Heute? Und ist der Traum realer als die Wirklichkeit? Die Lyrik gibt dem Atem unserer Träume ihr Wasserzeichen. Und Wasserzeichen kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das Licht hält. Und Lyrik kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das schrille Einvernehmen zwischen Pragmatismus und Geschäftsgebaren einer derben Unterhaltungskultur liest, die leisen Räume in den lauten Konzerthallen sucht. Und wer genau hinliest, entdeckt dabei seine eigene, unverwechselbare Musik, die sein Gestern, sein Heute und sein Morgen wie weiße Muscheln in zeitlose Meere sinken lässt, die nur ihm gehören.

 

 

 

Sandpapier

Der Mund des Morgens redet in die Leere des Hauses.

Er berührt die Magie des Olivenbaumes

und die Gesänge der Bilder an den Wänden.

Ich bin mit der Stille verabredet. Sie ist meine Freundin

und riecht nach Lavendel wie die Seife im Bad.

Ich gehe den Weg zurück,

an den Anfang der Gerüche.

Sie sind salzig und herb wie die des Meeres.

Ich bin gestrandet und liege auf grünen Scherben.

Erzählt der Geruch. Weißes Blut rinnt über den Sand meiner Seele seither.

Ich streue den Sand auf das Papier, das die Schmetterlinge bewachen.

 

Kerstin Fischer

 

 

 

 

Rauhnächte

Rauhe Blicke in den rauhen Nächten

an rauhen Tischen mit rauhem Jagdfleisch.

Die Schüsse liegen im Zement der weichen Zimmer

in memoriam an das Wild im Wald

unterm Tannenbaum zu Silvester. Wintergarten in Aspik.

Teile der Begierde wie Tortenstücke auf den antiken Tellern arrangiert.

Nur die Tränen zwischen den Türen stören die gute Sicht

auf die Dinge. Sie sind die schwarzen Seesterne im Muster der rosa Tapete

in den Tagen vor der Zukunft

des rauhen Frühlings. Durchtriebenes Glück.

 

Kerstin Fischer

Flamingos

Schnee fällt auf die eisigen Häute im Garten. Ich habe sie abgelegt

wie Mäntel an der Garderobe eines Theaters.

Ihre Kälte verliert sich in der Erde zwischen den dumpfen Schreien des Mondes.

Ich setze mich an ein kleines Feuer und streue Rosenblätter in blaue Flammen,

die darin zu weißen Schleiern werden.

Ich lege die weißen Schleier über meine kranken Gedanken.

Die Gedanken lernen zu schweigen, daraufhin.

Flamingos fliegen auf die leeren Plätze ihrer Rede …

 

Das Parfüm der Erde umgibt sie. Es riecht nach dem Schweiß des Kosmos.

Gott ist ohne Geruch. Dafür seine Geduld elastisch,

denn der Teufel ist nur ein Placebo. Ich balanciere über die Geduld Gottes

ohne die Flamingos zu stören, balanciere zum Schweigen Christi.

Maria hat es geboren in einer Stunde der Achtsamkeit.

 

Ich halte mich an die Flamingos, wenn ich sprechen möchte,

spreche mit ihnen über die Waghalsigkeit der Träume und die Farbe der Weisheit.

Die Weisheit ist blau, sagen sie, aber nur im Sonnenlicht. In der Nacht ist sie farblos.

 

Kerstin Fischer

Im inneren Kreis

 

Zwischen den Palmen von Marbella glätte ich die graue Haut über meinem Leben.

Sie lässt sich von den Farben des Südens täuschen,

dem Rosa des Oleanders und dem Indigo des Wassers,

in dem sich meine hungrige Wüste spiegelt.

Ich presse Muscheln auf die Haut,

um satt zu werden und stille meinen Durst an dem hellen Lachen des Meeres.

Nonnen kreuzen meinen Weg. Der trockene Boden verschluckt den Klang ihrer Schritte.

Das Jenseits muss das berücksichtigen. Es ist stur, den ganzen Tag schon,

seit ich über den inneren Kreis meines Untergangs laufe.

 

Kerstin Fischer