Michael Longley. Gefrorener Regen

„Ich liege mit dem Kopf / Über dem Rand der Welt,“. Von dieser Position aus wartet der große nordirische Lyriker Michael Longley mit zuweilen schwer erträglichen Bildern auf. Schwer erträglich, weil sie ungemein gut sind. „Ein Schwefelholz, das Heilige Herz Jesu, / Das stockt, als ein schweres Maschinengewehr / Das Nachtlicht in einem Kinderzimmer löscht; “

Immer wieder ist der Krieg Thema der Gedichte, die mit diesem Lyrikband in einer Übersetzung von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider vorliegen, seine Koexistenz neben dem Frieden, gegen die niemand etwas tut. Vor allem der Nordirlandkonflikt, aber auch der Erste Weltkrieg und der Spanische Bürgerkrieg sind gemeint.

„Begraben zwischen den Wurzeln jenes Olivenbaumes, bist du / Holz und Frucht und der Himmel zwischen dem Geäst, / „ heißt es in einem Gedicht an den in Spanien gefallenen Charles Donnelly.

Tauchgänge der Phantasie könnte man meinen, die Sprache aber ist nicht nur wortgewaltig, sondern im höchsten Maße authentisch, aufrichtig, reißt uns mitten in die Verhältnisse, als seien wir selbst ein Teil von ihnen. Das ist ein hohe, herausragende Kunst dieses Iren. Und Longley versteht es, in das Herz der Natur zu blicken, angesichts des Strandes von Carrigskeewaun etwa, versteht es, es prächtig fusionieren zu lassen, mit dem Menschsein, dem er trotz aller Unzulänglichkeiten sehr zugetan scheint.

„Meine Fußabdrücke und die der Kinder, / Die die Dünen mit dem Wassersaum verbinden, / Zu Sand zermahlen die trockenen Muscheln, Fuß- / Und Fingernagelspäne des Meeres.“

Und was wäre das Menschsein ohne Liebe. Der Feinmotorik dieses Gefühls gibt er ein Muster der Sinnlichkeit, wie es an Originalität kaum zu übertreffen ist. „Könnten meine Ohren nichts weiter hören / Als das Geräusch autonomer / Vorgänge in deinem Körper, / Lunge, Herzschlag, Gedärme, / So würde ich in einen Schlaf gewiegt, / Der ein Leben lang lindert“. Und was wäre das Menschsein ohne Verlust. Der tote Zwillingsbruder wird angesprochen in dem Gedicht „Der Geburtstag“. Die intendierte Klage über die Trauer ist eingebettet in phantastische Naturbeobachtungen. „Zwischen Schilf und Schlankjungfern, Sandkraut – / Sterne zu deinen Füßen, knospende Parnassia?“

Die Tränen, die Longley in seinen Gedichten weint, sie glitzern in der Sonne und schmecken nach dem Salz des Meeres.

Michael Longley. Gefrorener Regen. Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider. Hanser, 2017

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/gefrorener-regen/978-3-446-25450-3/