Ilse Helbich. Im Gehen

Die Elastizität des Lebens steht auf dem Prüfstein in den Gedichten von Ilse Helbich.

„wenn ich lange geschaut habe / fangen drüben auch die Bäume an weiterzufließen / schwindlig / ich liege still ich schaue dem Fließen zu / ich hänge fest im Blau“. Sie ist angepasst an das Lebensalter, von dem aus geschaut wird. Zu dieser Erkenntnis findet man rasch, wenn man die mehreren Lebensabschnitten entstammende Lyrik der Dichterin zu durchdringen versucht. Was ein Leichtes ist, angesichts der kristallklaren Sprache, die die Schleier von dem Mysterium der menschlichen Psyche nimmt. Immer da, wo sie sich mit der Natur verbinden lässt. Da findet sich auch Wut mit unter. „über die Wiesen gejagt von einem Sturm, / der die Pappeln nicht anrührt, Zorngedanken / mit rasenden Rädern schneiden sie in den Himmel / “

Und es findet sich ein Kind,  –  ein inneres? – das auf den Friedhof blickt. „Ich weiß nichts von den Gestorbenen. Ich weiß / hier ist es so still. Ich möchte auch im grünen Gras liegen / unter den Namenssteinen, die Arme ausgebreitet“, heißt es in einem der famosen Kindergedichte aus dem Jahr 1970.

Und die Liebe? Der Tod kann ihr nichts anhaben, eigentlich, denn vor allem ist sie metaphysisch. Das intendiert das Liebesgedicht aus den späteren Jahren. Ist in den Gedichten dieser Lebensphase ein sich dem Leben Hingeben oder ein sich ihm Ergeben auszumachen? „Grünes Meer hinter geschlossenen Augen. / Grünes Meer von Tönen durchströmt. / Stimmen gleitender Fische.“ Das bleibt der subjektiven Wahrnehmung der Leser überlassen, mit der jeder Schreibende zu rechnen hat. Die Melancholie jedenfalls ist in vielen Gedichten dieses Lyrikbandes schön wie eine Nymphe. „Mein Drinnen geschmolzen. / Ich möchte nicht sterben.“ Und das unterscheidet von etlichen anderen lyrischen Texten, durch die ihr dunkler Atem zieht. Sie bleibt hell, wie eine naturgegebene Kraft, die jedoch nie übermächtig wird, in den seidigen Bildern des in sein Schicksal geworfenen lyrischen Ichs, das sich am Ende dem Schützenden der weisen Patina des Alters sicher sein kann.

„Es ist gesagt, was zu sagen war. Das Andere, das jetzt ist, / entzieht sich den Worten / Tief innen ist jetzt Melodie, die sich dem Nach- / singen versagt.“

Ilse Helbich. Im Gehen. Droschl, 2017

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