Hellmuth Opitz. Engel im Herbst mit Orangen

Die Gedichte von Hellmuth Opitz kolorieren die Wirklichkeit, die zwischen Tagträumen taumelt, die sich in  Alltagserfahrungen spiegeln. „Knips die Müdigkeit an / das Licht aus, ein Flugschreiber / bin ich auf dem langen Weg von / einem Wort zum anderen.“

Dadurch wird das Alltägliche zur Weltformel. „Schau: Tipp-Ex fällt vom Himmel, / Schnee korrigiert die Welt.“

Viele der Verse sind wie Alpenglühen ohne Postkartenkitsch. „Sag, was hast du bloß / unter deiner Stimme an, wenn / mein Name fällt wie blondes Haar: / Trauer Trauer Glück Musik.“ Die Sprache ist klar und hat keine Schnörkel nötig, weil ihre Bilder mächtig genug sind, sich auf elementare Farben zu berufen. Schwermut und Melancholie scheinen darin als Früchte des Seins blau gefärbt. Dabei sind sie nicht harmlos. Ein Zittern an den Abgründen ist zu spüren. „Der Herbst wirft / dunkle Mäntel / über deine Sätze.“

Aber dieses Zittern fängt sich immer wieder in den straff komponierten, klangvollen Gedichten, in denen die Resignation wie ein blasser Ritter erscheint. Dieser Ritter reitet durch die Jahreszeiten, die personifiziert immer wieder zum Thema gemacht werden. „Und dann kam der Januar. Ein riesiger / Kerl. Jesus! Ein Kreuz / wie ein Kühlschrank.“

Und das Zittern fängt sich, wenn das Lyrische Ich zum Flaneur wird, „vorbei an schäumenden Kirschbäumen“, auf der Suche nach dem „Aufputschmittel einer anderen Stadt“. Vielleicht um sich zu retten. Aber hat es Rettung nötig, wenn Verzagtheit gar nicht aufkeimt, Pessimismus optimistisch daherkommt? „Was fang ich an mit diesem an-/ gebrochenen Leben. / Ach Traurigkeit, fahr mich heim.“  Auch da wo Ironiesplitter aufblitzen, wird der Verzagtheit der dunkle Boden entzogen, der, zugegeben, oft gewässert wird, einsame Nächte und Verlassensein sind immer wieder Thema.

In dem Band sind die Gedichte in fünf Teile gegliedert, die mit Überschriften wie etwa „Leicht entflammbares Material“ oder „Die Elektrische Nacht“ überschrieben sind. Wie Fahnen stecken sie auf Inseln, die sich leicht durchschreiten lassen, deren Tiefgründigkeit einem sich dabei aber wie beiläufig an die Fersen heftet und für Nachhaltigkeit sorgt, die der Erde Sinne zuteilt, mit denen sie riechen, schmecken, lieben und verachten kann.

Gedichte faszinieren, wenn man durch ihre Augen erkennen kann, was vorher nur zu sehen war. Wenn man „Engel im Herbst mit Orangen“ liest, kann man erkennen.

Hellmuth Opitz. Engel im Herbst mit Orangen. Pendragon, 2006

http://www.pendragon.de/book/engel-im-herbst-mit-orangen/