Dinçer Güçyeter. Aus Glut geschnitzt

„die Staubwolken des Paradieses“ und nichts Geringeres wirbelt die Lyrik des Dichters Dinçer Güçyeter auf. Dabei wird das Pathos in faszinierender Weise ganz neu erfunden. Es klingt sonor und gleichzeitig wie der Gesang einer Nachtigall, der sich auch über die Leiderfahrung erhebt.  „an fernen Himmeln schimmern die Sterne goldig. Dort werden die schönsten / Märchen erzählt. Dort müssen die Kinder früh ihre Flügel ablegen … zu früh / bevor der Mensch geboren ist!“

Die Gedichte handeln von Verwundung, aber auch von Lebenslust, eines scheint das andere zu erzeugen.„die Chronik meiner Geschichte ist ein Gastarbeitermuseum: /“

Dinçer Güçyeter hat einen Becher voller Schatten getrunken, jenen aber nach Absetzen randvoll mit Liebe gefüllt, wie es einem vorkommt. Hat ihn das weise gemacht? Etliche seiner hochpoetischen Gedichte jedenfalls warten mit tiefen Weisheiten auf. „der Tod eines Vaters ist die zweite Geburt des Sohnes“. Und sie glitzern wie Märchen. Überhaupt hat man das Gefühl in einem Märchenbuch zu blättern. Das ist auch der phantastischen Bebilderung dieses farbenprächtigen Bandes geschuldet. Kunstvolle Collagen, Fotos von Yavuz Arslan und Ornamente auf türkisem Grund inszenieren das Zusammenfließen der Magie geträumter Möglichkeiten und den Gesichtern des Alltags in ganz herausragender Weise. Aber sie hüten sich davor zu erschrecken. Wenn diese Lyrik den Abschaum von den Lippen des Lebens sammelt, ist sie ohnehin tragfähig für eine ungeheure Authentizität, die einem bis ins Mark fährt. Das Gedicht „Ophelia à la turca“, das den Missbrauch eines Mädchens thematisiert, ist dazu in raffinierter Weise in zwei Teile gegliedert, in den „Monolog der Mutter“ und jenen der Missbrauchten, den „Monolog der Tochter“.

„die Mutter trug den Frost der Nacht auf ihren Wimpern“ (Mutter).

„ich spüre den glühenden Dolch in mir“ (Tochter).

Die grauen Schuppen der Bewegungslosigkeit legen sich in diesem tragischen Zuspiel  über die Tränen der Tochter. Nicht nur die Bewegungslosigkeit der Mutter ist gemeint, sondern unser aller Bewegungslosigkeit angesichts des Leidens unserer Mitmenschen. Wohl nicht von ungefähr ist einer der zehn Teile des Bandes mit „alle Welt wollte Frieden und schickte die Welt in die Flucht … “ überschrieben. „und jedes Mal, wenn ein Boot im Mittelmeer sinkt / rinnen aus unserem Schoß die Kadaver der bunten Schmetterlinge / “

Immer wieder holt die Lyrik in diesem Gedichtband weit aus, vermischt die Farben des Himmels mit denen der Erde und rüttelt an den Gittern der Metaphysik. „ich und der Himmel / wir haben uns entkleidet, wir haben uns geliebt / haben uns einander Wunden zugefügt“. Das macht viele der Gedichte geradezu spektakulär und verleiht ihnen Nachhaltigkeit und Charisma.

Dinçer Güçyeter. Aus Glut geschnitzt. Gedichte. Elif Verlag, 2017

http://elifverlag.de/produkt/aus-glut-geschnitzt/

Christoph Danne. Aufwachräume

Der Blick eines Reisenden legt Spuren in das, was er sieht. Diese Spuren fangen die Gedichte des Lyrikbandes Aufwachräume von Christoph Danne auf. Port Said, Tripoli, Rom, Westflandern etwa  oder Santa Ana werden so über Miniaturbeobachtungen des Alltagslebens in einem bunt geschliffenen Glas gespiegelt. Das macht diese Lyrik nicht nur eindrücklich, sondern auch authentisch, wenn sie das vielleicht auch gar nicht sein will, eher venezianische Masken liebt, die erst auf einer Metaebenen heruntergenommen werden. „vor der säuferbodega von hemingway / werden rasselnd die stühle / von der kette gelassen / und in den lungen einzwei dauerläufer / steckt noch morgenluft / .

Selbst das Skurrile nimmt man demzufolge als bare Münze.  „es war an der zeit manches / in kleinere kisten zu / packen um nicht alle / tage so schwer zu / heben um für den / fall einer reise oder eines / rohrbruchs vorbereitet zu / sein es war an der /

Dannes Lyrik ist entdeckend, wühlt dabei grandiose Bilder aus sandigen Böden, die in ihrer poetischen Kraft beeindrucken, aber wie Federn schweben, die der Wind wie zufällig verteilt. „unter glühendem fels / die eidechsen und das meer / um die stämme sammeln sich / ameisen bilden staaten/ das geräusch im unterholz / trugen wir mit uns fort“.

Die Überschriften der einzelnen Gedichte lesen sich zuweilen wie knappe Notizen aus einem Reisetagebuch.  Über die dazugehörigen Texte gewinnen sie eine ungewöhnliche Leuchtkraft, die das pars pro toto in einen Weltzusammenhang webt, der den eher kurzen, schönen Gedichten Charisma verleiht, das anhänglich macht. „gelb fahl kränkelt der mond / schleppt sich auf seine bahn / und wir versuchen / ein gespräch /

Nichts ist zögerlich, alles scheint überschaubar, selbst das Unwegsame. Sogar die Ränder des Metaphysischen, die Danne nicht ausspart. Weil sie ihn beeindrucken? Das verrät er uns nicht. Sie sind einfach da, müssen nicht hinterfragt werden, dürfen nüchtern dahingleiten.

Dennoch: „sag es bleibt wenn / wir fort sind / sag dass jenes / rätsel einmal gelöst / von neuem sich stellt / .

Christoph Danne. Aufwachräume. Parasitenpresse, 2017

https://parasitenpresse.wordpress.com/2017/04/25/christoph-danne-aufwachraeume/