Tom Disch. Endzone. Letzte Gedichte

Es gibt den Welttag der Poesie. Es gibt den Welttag des Kindes, den internationalen Frauentag. Vielleicht sollte es auch einen Gedenktag für all jene geben, die es nicht geschafft haben, die von dieser Erde vor der Zeit gegangen sind. Der Lyriker, Prosaautor und zentrale Vertreter der New Wave Tom Disch gehört dazu. In den zwei Jahren vor seinem Freitod hat er Gedichte auf seinem Blog Endzone veröffentlicht. Immer wieder haben sie den Tod und vor allem jenen seines Lebenspartners zum Thema. Man liest sie wie durch graues Glas, vor diesem Hintergrund des Selbstmordes. Christopher Ecker hat sie aus dem Amerikanischen übersetzt und nun in einer zweisprachigen Ausgabe herausgegeben.

„Das Meer hat so viele Möglichkeiten, einen Menschen zu töten. / Aber ihr Tod war, als ob Ozean selbst / sie zerschmettert hätte mit einem einzigen Kuss. “

Liest man diese Texte, kann das Gefühl beschleichen, er stünde hinter einem, dieser hochsensible Lyriker, und beobachtet seine Verse, die durch unser Innenleben treiben wie zartgelbe Lotusblüten auf einem dunklen, trüben Meer. Einige darunter erinnern an lichtdurchflutete Gemälde, in denen die Überantwortung in die Krater der Schutzlosigkeit einer erbarmungslosen Schicksalshemisphäre nie ausgespart bleibt, andere haben die Zielgerade des Alltags mit seinen Beschränkungen im Blick und scheinen dort nicht ankommen zu wollen, weil der Alltag zum Verhängnis wird für jene, die sich verloren glauben. Verlorenheit und ihre blasse Schwester, die Verzweiflung, sind unter anderem Hauptthemen der Prosagedichte. Aber, und das ist vielleicht das Tragischste, Tom Disch ist ein treuer, anhänglicher  Vogel seiner Visionen von einem Planeten, der den Menschen ausspeit wie einen Fremdkörper. Vielleicht berühren die Gedichte deshalb so tief, gehen unter die Haut und noch weiter, dringen in Seelenschichten, die aufmerksam werden, denn hier hat man es mit einem interessanten Lyriker zu tun, der die Sicht auf die Dinge zu betäuben im Stande ist, für einen kurzen, intensiven Moment. „Wenn in künftigen Zeiten alles Leben / von der Landkarte gewischt sein wird, wenn die Menschheit / hinter den armen alten Eisbären her / und den Pinguinen und den Amazonas – Orchideen / den Pfad zur Auslöschung hinabsteigt,“

Wohl nicht von ungefähr ist die Auseinandersetzung mit der Religion polemisch. Dennoch wird man den Eindruck nicht los, es hier mit einem Gottsucher zu tun zu haben. Das ist der goldene Schnitt in dieser Lyrik, der Hoffnungsschimmer, den Disch, hätte man ihn darauf angesprochen, vielleicht geleugnet hätte. „ist das letzte Schimmern erloschen / und die Nacht mit ihrer Insektenbande, / schwarze Nacht, Rabennacht, bemächtigt sich ihres Throns, / genauso wie wir es den ganzen Tag erwartet haben. “

In den Gedichten lösen sich mehr und mehr die Verbindungslinien in eine vertraute Umgebung. Dieser Auflösungsprozess wird zum Naturgesetz und kommt deshalb ohne Hilfeschreie aus, um die Welt nicht zu beunruhigen, ihre Überlebenstriebe nicht zu stören, auch wenn ihnen misstraut wird. Deshalb vielleicht sind die Texte von einer Art aufwühlender Harmonie, die ihres Gleichen sucht.

Tom Disch. Endzone. Letzte Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, 2018

http://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/disch,-tom-endzone-detail

Punkt.

In mir die Klänge des Lichts. Neubegehung. Schneehell.

Ich verabschiede das Fremde im Wichtigen.

Seidenreiner Ausgang meiner Sandspur. Einmal um den Schmerz der Erde.

Bis zum Meer. Und zurück? Vielleicht nicht gerade jetzt von

Wiedergeburt reden. Sie kräuselt das Klare im Glas der Gedanken.

Färbt die Tränen der Angst Oliv. Bis sie zu Früchten werden,

die steile schwarze Striche ernten, bevor sie den Atem in Tücher schlagen.

Ich sortiere die Buchstaben meiner Zeit neu an geträumten Flughäfen

und fliege mit ihnen nach Marrakesch, mit dem Pinsel

über die Körnung des Papiers. Artist. Das ist die Frage, die sich nicht stellt,

wenn die Farben in die Seele laufen. Einmal um die Freiheit

und nur nicht zurück.

 

Kerstin Fischer

Martin Piekar. Amok PerVers

Die Gedichte von Martin Piekar sind wie zerrissene Spinnennetze, die in der Frühlingssonne glänzen. Sie reißen ihre eigene Architektur immer wieder ein, aber der Zusammenbruch ist überaus ästhetisch, und das ist die große Kunst dieses jungen, sehr begabten Lyrikers. Er fühlt in die Hitze der Zeit, hört auf das Rattern der Möglichkeiten, entziffert die Hieroglyphen einer digitalisierten Welt. Er spielt mit den Requisiten des modernen Menschen, choreographiert ein Requisitenballett um einen sterbenden Schwan: das Unbefriedigtsein, das die Gedichte gleichsam wie mit Dynamit auflädt. „ Blinde Sterne scheinen nichts aufzuklären / Aber Volksfeste als Massenwiege“ und „Wenn du eine Revolution willst / Bestell sie über Amazon Prime“. Bemerkenswert ist die ungeheure Vielfalt der in den Gedichten gestreiften Themen, die auch die Politik nicht ausspart, sie wie beiläufig jongliert, aber gleichzeitig in magischer Weise eindringlich macht, laut werden lässt. „Wie viele sehen Flüchtende / Als ein kaputtes Fenster/ Und fürchten den Regen“.

Alles ist irgendwie von irritierender Sogkraft, schnelllebig, als müsste es gegen das Schweigen in den Ritzen der Melancholie anarbeiten, auch und immer wieder gern mit lyrischen Statements. Sie scheinen kompromisslos. „Die Utopie ist eine Vitrine geblieben“ oder „Wir müssen damit leben, dass Wolken / Mit uns abgeschlossen haben“.

Piekars Wahrnehmung, sie ist verstiegen, aber man kann zusteigen, sich auf das Abenteuer ihrer Matrix einlassen, ihr durch die phantastisch inszenierten Streifzüge etwa durch ein Treppenhaus folgen. Und man tut dies mit großem Gewinn. Aber man sollte dabei das Atmen nicht vergessen.

„für die Cirruswolken, ihre klebrigste / Errungenschaft. Ich fühle sie / Als meine Kritiker / Sie fühlen sich an / Wie ein letzter Tag, das Verwschwinden / Aller Tage auf einmal“.

Grandiose Entsprechungen finden die Gedichte in den geradlinigen Strichzeichnungen von Robin Wagemann, der den Lyrikband illustriert hat. Sie sind voller instabiler Perfektion, die die Phantasie in einem Höchstmaß herausfordert. Ein Genuss!

Martin Piekar. Amok PerVers, Verlagshaus Berlin, 2018

https://verlagshaus-berlin.de/programm/amok-pervers/

Farbgebung

Die Gefährtin des Staubs legt ihre Hände über meinen Weg.

Meine Zeit zittert unter schwarzen Gittern,

an denen Papageien picken.

Die Gefährtin ist flüchtig.

Sie lebt nur einen Moment kalt wie Kristall.

Dann versteckt sie sich unter den Muscheln am See.

Ich rieche ihr graues Ufer bis es Erinnerung wird.

Ich binde die Erinnerung an die Weiden des Sommers

und tauche mein Herz in Mohnrot.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell)

Ludwig Steinherr. Lichtgesang. Light Song

„Licht – widerspenstige Strähne die absteht von einem Kinderkopf / Licht – leuchtende Laufmasche in einem Seidenstrumpf / Licht silbrige Schneckenspur auf der druckfrischen Zeitung.“

Ludwig Steinherrs Lichtgesang ist eine Hommage an den altägyptischen Sonnengott Aton. Aber hat man es mit einer Nachdichtung des Aton – Hymnus, des großen Sonnengesanges, zu tun? Immer wieder werden die Grenzen, die die Vorlage steckt, in diesem Langgedicht gesprengt. Der Lyriker fusioniert die altägyptischen Impressionen mit gegenwärtigen Erfahrungsräumen, was wie eine kostbare Stickerei mit zwei verschiedenfarbigen Fäden anmutet. Dadurch entsteht eine ganz neue Epoche, wie sie nur die Lyrik hervorbringen kann. Der Rhythmus dieser Epoche ist klangvoll, seine Blüten werden von Pathos getragen. Und er scheint den Dichter zu euphorisieren, was zum Teil skurrile Bilder hervorschwemmt. Sie sind scheinbar unverhältnismäßig. „Du lässt die Mystiker in deinem Starkstrom sich bäumen“. Aber eine neue Epoche schafft neue Verhältnisse, neue Visionen und einen neuen Rausch. Das alte Ägypten ist darin von ungeheurer Präsenz, rückt hautnah, was durchaus als Sensation gewertet werden darf. „an diesem gewaltigen Sommermorgen / an dem München weithin rauscht / der Nil durch alle Zimmer fließt / dein Licht seine gläsernen Pyramiden erbaut / während auf dem Balkon gegenüber / eine Katzengöttin sich das Fell leckt – “.

Und wenn das Licht ausbleibt? Für diesen Fall lässt Steinherr Horrorszenarien entstehen. „Jetzt bist du fort – die Großstadt liegt verlassen / wie ein Opfer in einer dunklen Lache / in der sich böse Sterne spiegeln“. Die hochsensible Wahrnehmung, die sich auf die Schönheit des Lichts konzentriert hat, schlägt auf kaltem Boden auf. Der Kontrast erschreckt, vielleicht, weil er uns bewusst macht, dass wir ausgeliefert sind, auch dem Licht – wäre da nicht unsere Phantasie, die uns rettet mit ihren zarten Filtern.

Die Ausgabe ist zweisprachig. Der Lyriker Paul-Henri Campbell hat ins Englische übersetzt.

Ludwig Steinherr. Lichtgesang. Light Song. Allitera Verlag, 2017

https://www.allitera-verlag.de/buch/lichtgesang-lightsong/1

Mit Adam

Vergiss nicht, den Zimmerklee zu gießen

tief unten in den geträumten Räumen.

Die Rosen brauchen auch noch Wasser.

Oder sind sie schon an ihrer Zeit verblüht?

Versenke deine Gedankenlosigkeit im Moor

und sprich mit Adam.

Er steht am Meer

und wartet.

Er ist taub für die Geigen im Dunkeln.

Geh mit ihm zu dir

am Nachmittag deiner Zeit

und sei taub

für die Geigen im Dunkeln.

 

Kerstin Fischer

 

William S. Merwin. Der Schatten des Sirius

Sirius ist der hellste Stern am Nachthimmel. Ihn hat William S. Merwin, einer der bedeutendsten amerikanischen Gegenwartslyriker, auserwählt, um seinen „Schatten“ auszuleuchten, das Unsichtbare darin in die Sichtbarkeit der Worte zu tränken. „und dahinter meines Vaters Stimme / die von einem Staubkorn in einem Auge sprach / das wie ein Staubkorn in einem Sonnenstrahl war“.

„Der Schatten des Sirius“ ist „reine Metapher, reine Imagination“. So will der Lyriker den Titel dieses Alterswerkes verstanden wissen, wie er in einem Interview betonte. Jene Imagination wird durch die Gedichte zum milden Seewind, den der zweifache Pulitzer-Preisträger über die Erinnerungen an Kindheit, Familie, Natur, Tiere, etwa die eigenen Hunde, ziehen lässt.  Magische Vexierspiele sind so entstanden, deren Bilder eindringen wie Weissagungen. „die Venen auf ihren Handrücken haben die Farbe / eines klaren Morgenhimmels der sich einzutrüben beginnt “. Sie bilden einen Affront gegen die Eindimensionalität des Denkens. „Wenn der Mond verschwunden ist fliege ich alleine weiter / in diese Nacht wo ich nie gewesen bin / /die Eierschalen der Dunkelheit vor und hinter mir / in ihrer Höhe ich bin älter und jünger“.

Die lichthellen Appelle an den Morgen in der Seele des lyrischen Ichs, der sich immer wieder in ihrem Abend zeigt, scheinen die Vergänglichkeit zu negieren. Dies in einer Art flüchtiger Eleganz. Merwin unterteilt die Zeit in Generationen, mit denen er gleichsam spielt, wie nur große Lyriker es vermögen. „wie ich der ich wieder hier erwache nach vielen / Lebensaltern / zum Anblick eines Morgens bevor ich geboren wurde“.

Die Natur – auf sie scheint Verlass – wird dabei zum beruhigenden Pol. Sie wird nicht nur fein beobachtet, sondern wie beiläufig beseelt. Dabei meidet Merwin mit Konsequenz die Pfade des Romantisierens. „bei Tagesanbruch ist die aufgeplatzte Feige / voller Tau / der Fink findet sie / wie etwas an das er sich erinnert“.

Merwin zeichnet sein eigenes Bild von Schönheit in Pastelltönen. Es scheint geträumt. Der Dichter aber ist hellwach. Und bei scharfem Verstand, der die Konturen in den Farben erkennt, jene Silhouetten der Farblosigkeit des Unsichtbaren, der sich nur Lyrik angemessen anzunehmen vermag, die bei voller Bodenhaftung das Ätherische annimmt wie Elementarteilchen des Kosmos. Sie sind weich. Sie sind warm, und sie duften nach Leben.

Die zweisprachige Ausgabe wurde aus dem amerikanischen Englisch von Helmbrecht Breinig und Susanne Opfermann übersetzt.

William S. Merwin. Der Schatten des Sirius. Leipziger Literaturverlag, 2018

https://l-lv.de/neu/product_info.php?info=p1091_merwin–william-s—der-schatten-des-sirius.html

 

Ugo Petrini. Seiltänzer der Leere. Funamboli del vuoto

Die Quadrate des Alltäglichen schreitet der italienische Lyriker Ugo Petrini in der Gedichtsammlung „Seiltänzer der Leere“ – gemeint sind die Eichhörnchen – ab. Sein Tempo: Piano, etwa wenn er dem Blick einer Katze folgt oder ihren Bewegungen „In der Stille / einer gestirnten Nacht / schleichst du dich / – Herrchen der Welt! -„.

Die Leichtigkeit der Verse, die eine faszinierende Ästhetik nicht entbehrt, überrascht. Dabei entschlüpft der Lyriker den Fangnetzen der Beschaulichkeit durch verblüffende Pointen, die nicht selten Philosophie veratmen. Das macht die Gedichte kontrastreich, die Spannungsbögen griffig. „Mit einem Leintuch / sich trocknen, / von den Toten erstehen / wie ein moderner / Lazarus.“

In den Gedichten, die die Katze in den Mittelpunkt stellen, paaren sich schlichte Eleganz mit gezähmter Erotik. Liebesgedichte? Die Distanz des Schauenden ist groß, der sich an das Mosaik des Lebens über den Lebensraum des Tieres und seiner Perspektive annähert. Und das hingebungsvoll. Dies ebenso in dem Gedicht, das die „weiße Tänzerin“ beschreibt, in einer märchenhaften Skurrilität, die erstaunen lässt und deren Humor anmutig ist. „erbebend, das Köpfchen / neigend wie im Gebet, / landet auf den gedüngten / Feldern (was macht sie wohl / zwischen dunkler, schmutziger / Jauche?): weißschimmernde Schöne, “.

Die Verse sammeln ihr Licht aus bunten, gläsernen Kugeln, die der Lyriker über die Straße rollen lässt, vorsichtig, leise, so dass niemand erweckt wird aus seinen Träumen. Sie betören gerade in ihrer Unaufdringlichkeit und sind voller Taktgefühl. Dabei spielen sie mit den Ebenen der Wahrnehmungen. Das macht ihre Mentalitäten feinporig. Vergänglichkeit entpuppt sich darin als eine Art Mythos. Eine besondere Kunst Petrinis. „Tote, verwüstete Arme des Rebstocks, / gebogene Strünke im Aufruhr, / längs der Hütten, in den Rebreihen: / Kruzifixe des Winters.“ Und das Lutschen eines Bonbons wird zur Metapher für einen ganzen Lebenslauf. „am Ende mit Mühe / geschluckt, / somit Schluss.“  Nichts bleibt. Was kommt? Morgen, Übermorgen. Ist die Zeit nur eine Farce?

Christoph Ferber hat die Gedichte aus dem Gesamtwerk ausgewählt und übersetzt, um sie erstmals dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren.

Ugo Petrini. Seiltänzer der Leere. Funamboli del vuoto, Limmat, 2017

http://www.limmatverlag.ch/programm/titel/815-seiltaenzer-der-leere-funamboli-del-vuoto.html

Giorgos Seferis. Logbücher

 

„Wir waren fröhlich an jenem Morgen; / der Abgrund eine stillgelegte Zisterne / an die das zarte Bein eines jungen Fauns schlug /“. Die drei „Logbücher“ von Giorgos Seferis sind der Versuch einer Philosophie über die Struktur des Erdgeschehens und die  Insignien, die sie in ihren Seelen hinterlässt. Eine Art hochpoetischer Landvermessung liegt hier vor, entstanden in den Jahren zwischen 1937 und 1955. Andrea Schellinger hat dieses Werk des großen Lyrikers neugriechischer Sprache und Literaturnobelpreisträgers neuübersetzt. Der Mensch in den unberechenbaren Gewässern seiner Zeit also ist darin Thema. Dies in seinem Durst und Streben nach existenziell notwendiger Gerechtigkeit und der Verbundenheit mit dem anderen. In einer Art unweigerlicher Zwangsläufigkeit wird die Liebe des Heimatlosen darin überhört als mögliche Rettung. „Die Sonne hat mir und dir gehört: wir teilten sie uns / wer leidet hinter der goldenen Seide, wer stirbt?“.

Inmitten des Zerwürfnisses aus Schatten und Licht wird aber auch die Gewöhnung und das Vergessen zur Überlebensstrategie. „Und was sich zugetragen hatte, war so still und ruhig wie das, was du siehst / war so still und ruhig, da unsere Seele nichts mehr hergab, um nachzudenken / nur die Kraft, ein paar Zeichen zu ritzen in Steine / die unter der Erinnerung auf Grund gegangen waren.“

Nur scheinbar ist die Prosa in den, an gerade erblühende schwarze Dahlien erinnernden Langgedichten der Sammlung übermächtig, aber die Prosaelemente sind nur Vehikel, Näpfe für die Lyrik, die sie mit klarem Dichterwasser füllt. Daraus ergibt sich eine atemberaubende Komposition, die, von einem erhabenen Rhythmus getragen, der an den wissenden Grundton der Seele rührt, auch in seiner Vertrautheit fasziniert. „wir, verstrickt in schmucken Netzen eines stimmigen Lebens, das zu Staub / verfiel, im Sande versackte / und nur zurückließ dies vage Schaukeln einer hohen Palme, das uns benommen / machte.“

Das Ensetzen über die Welt ist zweifelsohne präsent, aber immer wieder ist auch von den blutwarmen Zuströmen der Schönheit die Rede. „Ich schlafe, doch mein Herz wacht; / es schaut auf die Sterne am Himmel, aufs Ruder / und wie das Wasser am Steuer erblüht.“ Sie stimmen versöhnlich in der kosmischen Akrobatik des Werdens und Vergehens und über den Fragen nach ihren letzten Gründen.

Seferies verstand sich als „Diener zweier Herren“, war dem diplomatischen Dienst und seiner Dichtkunst unterstellt, und er litt daran. „ (…)Die äußere Unterwerfung wird mich lebenslang verletzen und in Mauern einschließen.“

Vielleicht aber waren es gerade diese Mauern, die dieser Geist brauchte, um immer wieder erneut mit einer großen Lyrik zu rebellieren, die erstaunt, erschreckt, aufwühlt und dann in wundersamer Weise zu beruhigen versteht. Alles scheint nicht so schlimm, solange es durch die Hand dieses Dichters geht.

„Doch alles war weiß, weil der große Schlaf weiß ist wie auch der große / Tod“.

Giorgos Seferis. Logbücher. Elfenbein, 2017

http://www.elfenbein-verlag.de/9783941184695.htm

Hellmuth Opitz. In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten

„In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“.  Schöner kann der Titel eines Lyrikbandes kaum sein, der Gedichte versammelt, die auch an Momente erinnern, in denen man in die Augen eines scheuen Rehes blickt. Sie sind feinfühlig und kraftvoll zugleich.

Opitz lyrische Texte sind vielfach als Exkurse zu lesen, die eine wunderbare Dramaturgie auf engstem Raum unterzubringen verstehen. Darin kommt es immer wieder zu verblüffenden Wendungen, die zwischen sanftem Humor und leiser Philosophie schweben.  „Diese dickflüssigen Sommernachmittage, / in denen wir schwammen,“

Die Texte  schimmern an den steilen Hängen des Alltags, in erster Linie, machen ihn zunächst feinporig und tränken ihn dann mit Farben und Sinnlichkeit. „Doch ganz gleich, ob mundtot oder / wundrot: Deine Lippen / sind Schießbudenrosen, / so ballerst du deine Sätze heraus.“

Der Rhythmus der einzelnen Gedichte variiert, wie auch die einzelnen Formen sich den Jahreszeiten der Gedanken dieses Lyrikers anzupassen scheinen. Mal ist er sehr melodisch, dann wieder scheint er sich zu verstecken, wenn das Zeitmanagement in Prosagedichten Überhand gewinnt. Immer aber ist sein Pulsieren zu spüren, das durch die Zeilen trägt und staunen lässt. „jetzt starren die Startblöcke / vor Rost, der gebräunt vom Salz / Wind, der kopfüber eintaucht.“

Sehr überzeugend ist auch die charmante Tiefgründigkeit, mit der Opitz zu schauen versteht. Niemals ist sie aufdringlich, niemals auf unterschwelligen Pathos angewiesen, stets spielerisch „die Hände im Kirchenschiff / dieser Klinik, Gesichter, in die / sich eine Müdigkeit festgebissen / hat wie ein wildes Tier,“

Diese Poesie, im freien Spiel der Kräfte zwischen Phantasie, gezähmtem Surrealismus und Alltagserfahrung, ist stark geerdet, das macht sie so sympathisch und auch unterhaltsam. „Auf Kommando steckten wir Strohhalme in den Sommer / und schlürften die Longdrinks ausgedehnter Nachmittage, / die leuchtenden Limonaden des Lichts. Wir schlürften“.

Immer wieder wirft Opitz uns mit seinen sehr eingängigen Bildern auf unseren Zeitgeist zurück. Aber stellt er ihn auch infrage? Kann man ihn eigentlich wirklich infrage stellen, wenn man selbst Teil dieses Zeitgeistes ist? Da sind Lyriker wie Maulwürfe und Opitz allemal.

„Eleganz ist auch nur ein Auffahrunfall / von Elend und Glanz, Glanz und Elend“.

Hellmuth Opitz. In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten. Pendragon, 2017

http://www.pendragon.de/book/in-diesen-leuchtenden-bernsteinmomenten/