Andra Schwarz. Am morgen sind wir aus glas

Andra Schwarz, in den 80er Jahren in der Lausitz geboren, nimmt uns in ihren Gedichten mit auf Wanderungen durch Polen, Kroatien, die Ukraine, Zypern, vor allem aber auch durch die Orte ihrer Kindheit. Die Orte sind zerschlissen an ihrer Zeit, wie ein grober, abgetragener Stoff, und sie sind taubstumm. „kopfüber der sprung ins fremdgewordene wasser ins loch / einer kindheit aus steinen & scherben du trägst sie herum / wie munition in den taschen wer zeigt seine hände, / wer öffnet die finger es ist kein krieg mehr lass los“.

Ihre Sprache, die mit harten Linien arbeitet, lässt verstörende Bilder entstehen. Sie sind stark konturiert, teilweise düster, zuweilen trostlos, wären da nicht jene weichen Netze der Weisheit, deren Muster gerade durch das schwer zu ertragende überhaupt erst geknüpft werden. „Wir gehen über schwellen wie über wasser / steine den flusslauf hinauf hinunter / markierungen gezählte meter über jahre / jede schwelle ein rand der uns bricht“.

Der Mensch bleibt dabei im Mittelpunkt der Betrachtung, das Du, das Wir, das zögernde Ich, zuweilen fassungslos, doch nie resignierend. Und er wird betrachtet von einer erkalteten, schmerzgewohnten Umgebung, die ihn reflektiert. Andra Schwarz inszeniert dieses Zuspiel in famoser Weise. „ein wachraum aus verspiegelten fenstern in denen / es sich bewegt auch meine träume schwanken wie / nächtliche tänzer unter den lidern hockt ein käfer / mit schwarzem panzer er zieht sich zurück & schläft“.

Diese Lyrikerin ist wie eine Möwe, die auf harten Muschelbänken pickt, immer wieder wird sie fündig, was ihr Begehren nach Schönheit aber nicht stillt. Die Orte bleiben ihr die Schönheit schuldig. Das richtet ihr Sehnen aus, lässt es in Unbestimmtheit münden. Im gleichen Zuge wird die damit einhergehende Melancholie seziert. Die Schärfe der Messer lässt zuweilen erschaudern. „Sieh diesen riss der durch mich hindurchgeht / das abtasten des körpers: beugen gelenke / hinunter zum schambein wo ich mich verstecke / hinter den tauben empfindungen die leere stelle / an der alles verbrennt auch die sekunden /“. Das Begehren inkarniert auf diese Weise. Dies in brillanten Versen voller poetischer Schärfe, die einen ganz eigenen Glanz haben, der in die tieferen Schichten des Bewusstseins vordringt. Nur gute Lyrik kann sie erreichen, weil sie die Sprache der Psyche versteht, das Alphabet ihrer Träume, die Bilder ihres Schweigens und die zarten Linien ihres unendlichen Wissens und Werdens.

Andra Schwarz. Am morgen sind wir aus glas. Poetenladen, 2017

http://www.poetenladen-der-verlag.de/am-morgen-sind-wir-aus-glas.htm

Ars vivendi

Ich studiere zwischen den Vogelstimmen die Details meiner Zeit.

Blühende Blätter im Schnee. Umgeben von Grabluft. Erdbeerfarben.

Die Freude ist von den Tauben geliehen für die Ewigkeit in den Momenten.

Das Warten meines Gottes bleibt weise. Er schenkt mir silbernes Vergessen

für die Grauzonen meiner Jahresringe.

Ich lege die Ringe auf die Waage über dem Meer,

in dem die Nächte Augen haben, und vermeide

die schlaffe Schönheit des Überflüssigen.

Die Erde nickt und trägt.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell)

Philippe Jaccottet. Gedanken unter den Wolken

Die Physiognomi̱e̱ des Radius der Beobachtungen Philippe Jaccottets ist kostbar. Sie setzt sich nicht nur über die Gesetze von Raum und Zeit hinweg, sondern schafft ganz neue kristalline Areale, die der menschlichen Erfahrung viel gemäßer sind, weil sie mit innerseelischem Auge geschaut werden. „Haare bald schon wie Asche / im sehr langsamen Feuer der Zeit.“ Typisch für gute Gedichte, sollte man meinen, sicherlich, aber die Vibration die diese Gedichte dabei auslösen, kommt dem Fund eines großen Bernsteins gleich, den man unerwartet an einem Strand entdeckt, der ansonsten nur mit Muscheln übersät ist. Freilich, auch die sind schön und sollen in ihrer Daseinsberechtigung nicht infrage gestellt werden. Die filigrane Komposition dieses Gedichtzyklus aber ist geradezu genial zu nennen, wenn sie sich auch nicht immer auf Anhieb erschließt. Man muss die gewohnten Wege verlassen und querfeldein über Lavendelfelder. Dorthin führt uns Jaccottet, wenn wir uns auf die Seide in seinen Versen einlassen. „(Gebet der Sterbenden: Gesumm / schwarzer Bienen, als wollten sie / sammeln im tiefen Kelch unsichtbarer Blüten, / was Honig würde, von dem wir noch niemals gekostet.“ Man möchte keine Zeile, kein Wort verpassen, bleibt am Text, hochgespannt, verharrt hier und da, erspürt die Wolken, die den Titel inspiriert haben. Sie sind über das Räsonieren über das Wort Freude etwa oder die „Klage um einen verstorbenen Gefährten“ hinweggezogen, und sie sind zugleich Mittler und Mahner zwischen Himmel und Erde und der Choreographie ihrer beider Ästhetik, die nur Lyrik naturnah zu inszenieren vermag. „Flicken aber kann man, vielleicht, tagtäglich / das zerrissene Netz, Masche für Masche, / und im Raum dort oben wär es, / als vernähte man, Stern um Stern, diese Nacht …“

Die Gedanken in dieser Lyrik, sie sind stromlinienförmig, begehren Essenzen, die sich einprägen. „Wir sehen all das im Vorübergehn / (selbst wenn die Hand etwas zittert, / das Herz etwas lahmt / und anderes unter demselben Himmel: / Kürbisse, gelbrot im Garten, / wie Eier der Sonne, / Blumen in der Farbe des Alters, violett.“ Das Wärmegefühl des Ursprungs fließt dabei nicht nur über die Brücke in ein vermeintliches Paradies, sondern ist als solches anzunehmen. „Doch machtvoller noch, vielleicht, als die Berge / und als jedes blanke Schwert aus ihrer Schmiede / der zerbrechliche Schlüssel des Lächelns.“ Auch lässt uns Jaccottet dabei tief in die Gräben der eigenen Schaffensbereiche blicken. Der letzte Teil des Zyklus ist mit „Der späte Dichter“ überschrieben. „Du sitzt / vor diesem Webstuhl der Harfe. // Selbst unsichtbar hab ich dich erkannt, / Weber übernatürlicher Bäche.“ Jaccottet signiert seine Zeit mit glänzender Tinte. Die Handschrift ist einzigartig. Das ist Poesie vom Allerfeinsten, ganz ohne Frage.

„Pensées sous les nuages“ erschien im Oktober 1983 bei Gallimard in Paris und liegt nun erstmals vollständig in einer phantastischen deutschen Übersetzung vor. Der Arbeit von  Elisabeth Edl und Wolfgang Matz ist dies zu danken.

Das wunderbare, zarte Aquarell auf dem Buchcover stammt von der Frau des Dichters, der Malerin Anne-Marie Jaccottets.

Philippe Jaccottet. Gedanken unter den Wolken. Wallstein, 2018.

http://www.wallstein-verlag.de/9783835332607-philippe-jaccottet-gedanken-unter-den-wolken.html

 

 

Die frühen Reisenden

Auf dem Bahnsteig schwimmen die Zigarillos

der frühen Reisenden im Mittelmeer vergangener Visionen.

Das anonyme Gesicht des Bahnhofs zerfließt in ihrem Rauch.

Die Augen auf dem Buchcover, in dem einen Laden, graben sich mir ein,

vorbei an Happy Donatz. Unsichtbare Kojoten sitzen auf Gleis 13

und verhindern die Einfahrt des Metronoms.

Sie heulen in die Choreographie der Getriebenen aller Herren Länder.

Pastellfarbene Seide aus Neu Delhi

und die Vakanz von englischem Tweed fallen auf.

Die New York Times klemmt unter dem Arm.

Das Kaleidoskop nach Übersee.

Parfümierter Körpergeruch setzt sich über die rollenden Koffer hinweg.

An den derberen Schuhen klebt schon die Herbstnote

des Indian Summer. Der Bahnsteig erträgt ihre Sohlen

und den Kot der Tauben, die aus dem Paradies geflattert kamen,

als ein Elender in einem Abfallkorb nach seiner Unschuld wühlt.

War sie nicht blau noch vor Jahren?

Die Sirenen auf den Geländern beobachten ihn. Sie sind ohne Alibi.

 

Kerstin Fischer

 

Anne Dorn. Jakobsleiter

Es gibt immer wieder Gedichte innerhalb der Gegenwartslyrik, bei denen man das Gefühl hat, sie würden ihre Zeit überdauern. Anne Dorns Texte gehören dazu. Sie sind von pittoresker Schönheit, die als farbenprächtiger Platzhalter für die schwer fassbare Transzendenz fungiert und deshalb eine wundersame, berückende, Nähe schafft. „Licht, vom Himmel gefallen, / auf diesen Reichtum im Sand. / Blaurosagrauweiße Schalen / für das unsagbar Weiche, / Muschelschalen, Entzücken.“ Die Intensität ist faszinierend. Vielleicht ist dies auch dem Tatbestand geschuldet, dass diese Dichtung Raupen der Essayistik trägt, die freilich nicht zu Schmetterlingen innerhalb ihres Genres würden. Dafür ist Dorn zu sehr Lyrikerin. „Das läuft alles auf Chaos hinaus. / Ich kann meinen Enkeln nicht wirklich raten. / Auch van Gogh ließ seinen Weg / mitten im Kornfeld enden. Aber was für ein Gelb!“ Die Texte jedoch sind dadurch mit einer sanft daherkommenden Intellektualität aufgeladen, die spannend ist, Weisheit verströmt, die in ihrer Authentizität verblüfft.

Das betrifft auch die Kindheitsserinnerungen, die vielfach Thema sind. Der Klang dieser Gedichte ist leise und sonor, von ehrlicher Süße.   Bei jenen, die die Begegnungen mit den eigenen Kindern etwa am Kamin thematisieren, verhält es sich ähnlich. „Ruß und Asche decken samten / unser nächtliches Gespräch.“

Die zwischenmenschlichen Begegnungen des lyrischen Ichs erscheinen zart, transparent und dennoch stark, distanziert und vor Nähe strotzend. Sie sind in eleganter Weise von ambivalentem Charakter. Sind sie inszeniert oder spiegelt sich hier eigenes Erleben? Vielleicht ist ehrlich gemeinte Nähe nur mit einem gesunden Maß an Distanz möglich.

Obendrein beeindrucken die hochpoetischen Naturbeschreibungen, mit ihren phantastischen Bildern, die nachhaltig sind, die man nicht vergisst, die einem einfallen werden, wenn man wieder den Himmel betrachtet. „Flattern am Fenster – ein Tagpfauenauge! / Alle Hügelketten jenseits des Tales / versuchen, sich niederzuknien: / Morgensonne wirft goldene Speere.“

Bei aller Schönheit aber bleibt das Rätsel des Lebens ungelöst in den durch Winterglas geschriebenen Gedichten der 1925 Geborenen. Aber es wird mit allen Sinnen angenommen wie ein glitzerndes Abenteuer, das beim „Lächeln im Fischnetz“ beginnt, den Weg über die „Jakobsleiter“ nimmt, um in den treibenden Booten der Hoffnung und der Phantasie dem Knistern der Kristalle der Ewigkeit zu folgen.

Anne Dorn. Jakobsleiter. Poetenladen, 2015

http://www.poetenladen-der-verlag.de/einzeltitel/jakobsleiter.htm

 

Orange

Die Farben. Wie junge Tiere. Ich nenne sie Glück.

Sie wohnen in meinem Haus, in dem Zimmer auf der rechten Seite,

gegenüber der Erinnerung, die wie einen Scherenschnitt aus den Kartoffeljahren fällt.

Auf dem Birkenweg nun Heiterkeit deshalb.

Meine Seele baut eine Straße unter den Pinseln, betäubt von Lila,

betrunken von Orange.

Das Papier ist hungrig.

Mein Hunger ist der Hunger des Papiers.

Ich zeichne den Hunger, bis das Papier satt ist.

Dann fallen die schwarzen Vögel aus den Himmeln.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell „Frau vor einem Hutladen“)

 

 

Jan Koneffke. Als sei es dein

Die Beurteilung von Lyrik ist, wie vieles in der Kunst, Ansichtssache. Viele Ansichten aber werden vorgeprägt durch Auszeichnungen, die Dichter erst zu dem machen, was sie in der Öffentlichkeit darstellen. Die freie Sicht auf das Werk ist damit verstellt. Ein Grund, weshalb ich in meinem Blog auf die Hinweise von Ehrungen, der von mir vorgestellten Lyriker verzichte. Ich lasse ausschließlich das jeweilige Werk auf mich wirken und gebe einen kurzen, emotional gefärbten Eindruck meines Leseerlebnisses wieder.

Jan Koneffke hat mich dabei erstaunt. Der Lyriker schafft es, sich in seinem Band „Als sei es dein“ den Schreibtstil vergangener Jahrhunderte zu eigen zu machen und gleichzeitig mit dem Verdacht der Antiquiertheit zu spielen. Dadurch entstehen faszinierende Spannungsbögen, die auf wundersame Weise bei der Lesestange halten. In der Themenpalette sind die kalten und warme Farben der Kindheit des 1960 Geborenen sehr präsent. „in der Schlafschachtelsiedlung im Kiefernwald / mit seinen im Sandboden schlummernden Bomben“.

Viele der Gedichte des Teils, der mit „Heimatkunde“ überschrieben ist, atmen durch die Lunge des Krieges, den Koneffkes Generation zwar nicht erlebt hat, der aber durch die kriegszerrütteten Seelen der Eltern mit an den Kaffeetischen sitzt wie ein kaltes Ungeheuer. Immer wieder läuft Koneffke in dessen Spuren, versucht diese auszumessen, ihnen Klang zu geben. Die Sprache, die er dafür findet, ist naturalistisch. Sie kommt ohne Bilder aus, ist Bild genug. „vergangenheitsselig ohne Bitterkeit / vertrickt in seinen Traum von Kindheitspommern / vom Krieg verschlungener Geborgenheit / und Schuß um Schuß zerfetzten Ostseesommern“. Die deutsche Identität steht auf dem Prüfstein und nimmt Zuflucht in der Identitätslosigkeit. Die Früchte der Eltern werden geschält aber nicht gegessen. Der Nahrungsverzicht schult die Beobachtung des Deutschlands der 60er und 70er Jahre. „es schwindelt mir in diesem Land / großspurig vor Bescheidenheit / errichtet auf Ruinen und Sand / der in der Tiefe mahlt und treibt“.

Der Nachgeborene sucht seinen Schutzraum und scheint ihn vor allem in seinen Gedichten zu finden. Sie sind wie Gewächshäuser, imstande vor dem Schnee in der Erinnerung zu bewahren und die Blüten des Potentials eines begabten Dichters  gleichzeitig zu kultivieren.

„pack deine Sachen spring auf der du bist / ist der du gewesen sein wirst /“.

Jan Koneffke. Als sei es dein, Wunderhorn, 2018

http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_583_6/index_ger.html

Lyrik Noire. Das Haus

 

Das Haus am Ende der Wege schluckt dunkle Gestalten.

Ihre dürren Körper krümmen sich in die triefenden Verhältnisse.

Die Mutter im Gedächtnis scheint wie Torf. Der Vater liegt tot unter Beton.

Und die Zeit lahmt seit der blutigen Geburt.

 

Philosophen meiden den Ort hinter den gelben Gardinen.

Sie werfen nur Botschaften in den stummen Briefkasten an der Hauswand.

Botschaften, die feine Finger im Licht befühlen …

Irgendwann nach zarten Träumen

 

Ein Wolf wohnt auch in dem Haus.

Sein Blechnapf rasselt zu der Geburt Christi.

Nun öffnet jemand die Dunkelheit.

Die Nacht vibriert in den Adern seines Gesichts.

Er legt seine Eingeweide auf das Schafott des Morgens

 

wie erschlagene Tiere.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell)

 

Sound der Metamorphose

Das trübe Licht in den weißen Koffern

vor der Flugreise. Es scheint in die Augen meines Gewöhnens.

Ich häute meine falsch angenommene Zukunft

daraufhin und sauge das Ranking aus meinen Wunden.

Splitterandacht. Die Priester der Zunft rutschen über das von mir gefrorene Eis

zurück in ihre stinkenden Täler. Schräglage. Dünnhäutig.

Ich fülle die Koffer mit blühenden Kirschbäumen.

Sie wachsen an neuen Wegen im Neigungswinkel der leichtgewordenen Steine.

Rohmaterial melodisch. Ich treibe die Inklusen aus dem Bernstein

und renne mit ihnen über das Papier

um das ungeschriebene Gedicht. Zäsur. Cut in der Anlage. Talent ist überwertet.

Schonungslos. Zäsur. Cut von Neuem.

Was zählt ist die weiße Körnung, in die die Wörter tauchen

und zu Schwänen werden oder Rohlinge bleiben,

die aus den Mündern unfertiger Monde fallen.

Zumindest das, wenn man Glück hat.

 

Kerstin Fischer (Lyrik und Aquarell „Mohnblumentänzer“)

 

 

 

 

 

 

 

 

Francisco Cienfuegos. … und bricht das herz die einsamkeit?

„ein Klang /

spitz blaukantig / der im Schatten / lodernder Salzluft / nie verglühte “.

Die Hommage des in Andalusien gebürtigen Lyrikers Cienfuegos an den Klang ist unendlich schön, verträumt und Thema des ersten Gedichts dieses leisen Bands, dem die Melodie des Fließens den tragenden Rhythmus verleiht. Dieses Fließen sucht die Entgrenzung, ist aufgeregt, scheint unkontrolliert, wie jenes von Aquarellfarben, die auf ein sehr nasses Papier aufgetragen werden. Gerade jene Unkontrolliertheit wird den Gesetzen wirklicher Lyrik wohl in besonderem Maße gerecht, weil sie der Phantasie Räume eröffnet, die jede Prosa streng verschlossen hält. Das Fließen flutet bei diesem Lyriker sogar Sprachgrenzen. Viele der Gedichte Cienfuegos sind zweiteilig, in Deutsch und Spanisch abgefasst. Und wer Spanisch nicht versteht, wird dennoch von den Wellen emotionaler Rhythmik getragen, die Strategien vorgeben, mittels derer die Einsamkeit sich überwinden lässt. Dies eines der Hauptthemen, obwohl die Einsamkeit als solche ohne Schrecken scheint, eher wie eine unnahbare, graugekleidete Prinzessin daherkommt, die mit geweißtem Gesicht zwischen den zarten Verästelungen in den Gedichten flaniert. Kühl und souverän, nicht aber bedrohlich.  „Auf frisch gefallenem Schnee / liegt nun brach der Tag, der aus all den Dingen, / die in ihm verschlungen / vergingen / entstand “.

Dann wieder glaubt man es mit einem feinen Papiertheater zu tun zu haben, wenn die Frage nach dem Ursprung des Namens „Aliceplatz“ aufkommt. „Zunächst / nur ein Ort / aus Asphalt // Aliceplatz // Und dann die Frage / die der Mattheit / verschlissener Fassaden widerstrebt / die Dunkelkammer aufreißt / das taube Herz aufhorchen lässt“.

Alice ist nur eine Erfindung, stellt sich heraus, aber sie lebt dennoch in den Metamorphosen der Tagträume – Dank der Magie der Lyrik, nur ihr kommt diese Fähigkeit zu. Und Cienfuegos ist ein Meister seines Fachs. Er beherrscht die Klaviatur der Zwischenwelten, die die Ebenen der Wahrnehmung von Kunst immer wieder neu definieren. „bevor sich das erste / leise gefaltete Blau / zu verwischtem Schweigen glättete“. Ist diese Klaviatur auch nur eine Erfindung? Oder ist Erfindung schon Zwischenwelt? „und immer nur / deine Hände fand / die meine Stimme / wie aus Nachterde ausgegraben / entkleideten“. Auch diese Übergänge sind fließend, solange wir unsere Sinne den gläsernen Labyrinthen solch hervorragender Lyriker anvertrauen.

„ein Vers / entschweigt / Licht // und als Gedicht / kommst du zurück“.

Francisco Cienfuegos. … und bricht das herz die einsamkeit?, Größenwahn Verlag, 2018

http://groessenwahn-verlag.de/verlagsprogramm/und-bricht-das-herz-die-einsamkeit/