Philippe Jaccottet. Gedanken unter den Wolken

Die Physiognomi̱e̱ des Radius der Beobachtungen Philippe Jaccottets ist kostbar. Sie setzt sich nicht nur über die Gesetze von Raum und Zeit hinweg, sondern schafft ganz neue kristalline Areale, die der menschlichen Erfahrung viel gemäßer sind, weil sie mit innerseelischem Auge geschaut werden. „Haare bald schon wie Asche / im sehr langsamen Feuer der Zeit.“ Typisch für gute Gedichte, sollte man meinen, sicherlich, aber die Vibration die diese Gedichte dabei auslösen, kommt dem Fund eines großen Bernsteins gleich, den man unerwartet an einem Strand entdeckt, der ansonsten nur mit Muscheln übersät ist. Freilich, auch die sind schön und sollen in ihrer Daseinsberechtigung nicht infrage gestellt werden. Die filigrane Komposition dieses Gedichtzyklus aber ist geradezu genial zu nennen, wenn sie sich auch nicht immer auf Anhieb erschließt. Man muss die gewohnten Wege verlassen und querfeldein über Lavendelfelder. Dorthin führt uns Jaccottet, wenn wir uns auf die Seide in seinen Versen einlassen. „(Gebet der Sterbenden: Gesumm / schwarzer Bienen, als wollten sie / sammeln im tiefen Kelch unsichtbarer Blüten, / was Honig würde, von dem wir noch niemals gekostet.“ Man möchte keine Zeile, kein Wort verpassen, bleibt am Text, hochgespannt, verharrt hier und da, erspürt die Wolken, die den Titel inspiriert haben. Sie sind über das Räsonieren über das Wort Freude etwa oder die „Klage um einen verstorbenen Gefährten“ hinweggezogen, und sie sind zugleich Mittler und Mahner zwischen Himmel und Erde und der Choreographie ihrer beider Ästhetik, die nur Lyrik naturnah zu inszenieren vermag. „Flicken aber kann man, vielleicht, tagtäglich / das zerrissene Netz, Masche für Masche, / und im Raum dort oben wär es, / als vernähte man, Stern um Stern, diese Nacht …“

Die Gedanken in dieser Lyrik, sie sind stromlinienförmig, begehren Essenzen, die sich einprägen. „Wir sehen all das im Vorübergehn / (selbst wenn die Hand etwas zittert, / das Herz etwas lahmt / und anderes unter demselben Himmel: / Kürbisse, gelbrot im Garten, / wie Eier der Sonne, / Blumen in der Farbe des Alters, violett.“ Das Wärmegefühl des Ursprungs fließt dabei nicht nur über die Brücke in ein vermeintliches Paradies, sondern ist als solches anzunehmen. „Doch machtvoller noch, vielleicht, als die Berge / und als jedes blanke Schwert aus ihrer Schmiede / der zerbrechliche Schlüssel des Lächelns.“ Auch lässt uns Jaccottet dabei tief in die Gräben der eigenen Schaffensbereiche blicken. Der letzte Teil des Zyklus ist mit „Der späte Dichter“ überschrieben. „Du sitzt / vor diesem Webstuhl der Harfe. // Selbst unsichtbar hab ich dich erkannt, / Weber übernatürlicher Bäche.“ Jaccottet signiert seine Zeit mit glänzender Tinte. Die Handschrift ist einzigartig. Das ist Poesie vom Allerfeinsten, ganz ohne Frage.

„Pensées sous les nuages“ erschien im Oktober 1983 bei Gallimard in Paris und liegt nun erstmals vollständig in einer phantastischen deutschen Übersetzung vor. Der Arbeit von  Elisabeth Edl und Wolfgang Matz ist dies zu danken.

Das wunderbare, zarte Aquarell auf dem Buchcover stammt von der Frau des Dichters, der Malerin Anne-Marie Jaccottets.

Philippe Jaccottet. Gedanken unter den Wolken. Wallstein, 2018.

http://www.wallstein-verlag.de/9783835332607-philippe-jaccottet-gedanken-unter-den-wolken.html

 

 

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