Anne Dorn. Jakobsleiter

Es gibt immer wieder Gedichte innerhalb der Gegenwartslyrik, bei denen man das Gefühl hat, sie würden ihre Zeit überdauern. Anne Dorns Texte gehören dazu. Sie sind von pittoresker Schönheit, die als farbenprächtiger Platzhalter für die schwer fassbare Transzendenz fungiert und deshalb eine wundersame, berückende, Nähe schafft. „Licht, vom Himmel gefallen, / auf diesen Reichtum im Sand. / Blaurosagrauweiße Schalen / für das unsagbar Weiche, / Muschelschalen, Entzücken.“ Die Intensität ist faszinierend. Vielleicht ist dies auch dem Tatbestand geschuldet, dass diese Dichtung Raupen der Essayistik trägt, die freilich nicht zu Schmetterlingen innerhalb ihres Genres würden. Dafür ist Dorn zu sehr Lyrikerin. „Das läuft alles auf Chaos hinaus. / Ich kann meinen Enkeln nicht wirklich raten. / Auch van Gogh ließ seinen Weg / mitten im Kornfeld enden. Aber was für ein Gelb!“ Die Texte jedoch sind dadurch mit einer sanft daherkommenden Intellektualität aufgeladen, die spannend ist, Weisheit verströmt, die in ihrer Authentizität verblüfft.

Das betrifft auch die Kindheitsserinnerungen, die vielfach Thema sind. Der Klang dieser Gedichte ist leise und sonor, von ehrlicher Süße.   Bei jenen, die die Begegnungen mit den eigenen Kindern etwa am Kamin thematisieren, verhält es sich ähnlich. „Ruß und Asche decken samten / unser nächtliches Gespräch.“

Die zwischenmenschlichen Begegnungen des lyrischen Ichs erscheinen zart, transparent und dennoch stark, distanziert und vor Nähe strotzend. Sie sind in eleganter Weise von ambivalentem Charakter. Sind sie inszeniert oder spiegelt sich hier eigenes Erleben? Vielleicht ist ehrlich gemeinte Nähe nur mit einem gesunden Maß an Distanz möglich.

Obendrein beeindrucken die hochpoetischen Naturbeschreibungen, mit ihren phantastischen Bildern, die nachhaltig sind, die man nicht vergisst, die einem einfallen werden, wenn man wieder den Himmel betrachtet. „Flattern am Fenster – ein Tagpfauenauge! / Alle Hügelketten jenseits des Tales / versuchen, sich niederzuknien: / Morgensonne wirft goldene Speere.“

Bei aller Schönheit aber bleibt das Rätsel des Lebens ungelöst in den durch Winterglas geschriebenen Gedichten der 1925 Geborenen. Aber es wird mit allen Sinnen angenommen wie ein glitzerndes Abenteuer, das beim „Lächeln im Fischnetz“ beginnt, den Weg über die „Jakobsleiter“ nimmt, um in den treibenden Booten der Hoffnung und der Phantasie dem Knistern der Kristalle der Ewigkeit zu folgen.

Anne Dorn. Jakobsleiter. Poetenladen, 2015

http://www.poetenladen-der-verlag.de/einzeltitel/jakobsleiter.htm

 

Ein Kommentar zu „Anne Dorn. Jakobsleiter

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