Jan Koneffke. Als sei es dein

Die Beurteilung von Lyrik ist, wie vieles in der Kunst, Ansichtssache. Viele Ansichten aber werden vorgeprägt durch Auszeichnungen, die Dichter erst zu dem machen, was sie in der Öffentlichkeit darstellen. Die freie Sicht auf das Werk ist damit verstellt. Ein Grund, weshalb ich in meinem Blog auf die Hinweise von Ehrungen, der von mir vorgestellten Lyriker verzichte. Ich lasse ausschließlich das jeweilige Werk auf mich wirken und gebe einen kurzen, emotional gefärbten Eindruck meines Leseerlebnisses wieder.

Jan Koneffke hat mich dabei erstaunt. Der Lyriker schafft es, sich in seinem Band „Als sei es dein“ den Schreibtstil vergangener Jahrhunderte zu eigen zu machen und gleichzeitig mit dem Verdacht der Antiquiertheit zu spielen. Dadurch entstehen faszinierende Spannungsbögen, die auf wundersame Weise bei der Lesestange halten. In der Themenpalette sind die kalten und warme Farben der Kindheit des 1960 Geborenen sehr präsent. „in der Schlafschachtelsiedlung im Kiefernwald / mit seinen im Sandboden schlummernden Bomben“.

Viele der Gedichte des Teils, der mit „Heimatkunde“ überschrieben ist, atmen durch die Lunge des Krieges, den Koneffkes Generation zwar nicht erlebt hat, der aber durch die kriegszerrütteten Seelen der Eltern mit an den Kaffeetischen sitzt wie ein kaltes Ungeheuer. Immer wieder läuft Koneffke in dessen Spuren, versucht diese auszumessen, ihnen Klang zu geben. Die Sprache, die er dafür findet, ist naturalistisch. Sie kommt ohne Bilder aus, ist Bild genug. „vergangenheitsselig ohne Bitterkeit / vertrickt in seinen Traum von Kindheitspommern / vom Krieg verschlungener Geborgenheit / und Schuß um Schuß zerfetzten Ostseesommern“. Die deutsche Identität steht auf dem Prüfstein und nimmt Zuflucht in der Identitätslosigkeit. Die Früchte der Eltern werden geschält aber nicht gegessen. Der Nahrungsverzicht schult die Beobachtung des Deutschlands der 60er und 70er Jahre. „es schwindelt mir in diesem Land / großspurig vor Bescheidenheit / errichtet auf Ruinen und Sand / der in der Tiefe mahlt und treibt“.

Der Nachgeborene sucht seinen Schutzraum und scheint ihn vor allem in seinen Gedichten zu finden. Sie sind wie Gewächshäuser, imstande vor dem Schnee in der Erinnerung zu bewahren und die Blüten des Potentials eines begabten Dichters  gleichzeitig zu kultivieren.

„pack deine Sachen spring auf der du bist / ist der du gewesen sein wirst /“.

Jan Koneffke. Als sei es dein, Wunderhorn, 2018

http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_583_6/index_ger.html

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