Francisco Cienfuegos. … und bricht das herz die einsamkeit?

„ein Klang /

spitz blaukantig / der im Schatten / lodernder Salzluft / nie verglühte “.

Die Hommage des in Andalusien gebürtigen Lyrikers Cienfuegos an den Klang ist unendlich schön, verträumt und Thema des ersten Gedichts dieses leisen Bands, dem die Melodie des Fließens den tragenden Rhythmus verleiht. Dieses Fließen sucht die Entgrenzung, ist aufgeregt, scheint unkontrolliert, wie jenes von Aquarellfarben, die auf ein sehr nasses Papier aufgetragen werden. Gerade jene Unkontrolliertheit wird den Gesetzen wirklicher Lyrik wohl in besonderem Maße gerecht, weil sie der Phantasie Räume eröffnet, die jede Prosa streng verschlossen hält. Das Fließen flutet bei diesem Lyriker sogar Sprachgrenzen. Viele der Gedichte Cienfuegos sind zweiteilig, in Deutsch und Spanisch abgefasst. Und wer Spanisch nicht versteht, wird dennoch von den Wellen emotionaler Rhythmik getragen, die Strategien vorgeben, mittels derer die Einsamkeit sich überwinden lässt. Dies eines der Hauptthemen, obwohl die Einsamkeit als solche ohne Schrecken scheint, eher wie eine unnahbare, graugekleidete Prinzessin daherkommt, die mit geweißtem Gesicht zwischen den zarten Verästelungen in den Gedichten flaniert. Kühl und souverän, nicht aber bedrohlich.  „Auf frisch gefallenem Schnee / liegt nun brach der Tag, der aus all den Dingen, / die in ihm verschlungen / vergingen / entstand “.

Dann wieder glaubt man es mit einem feinen Papiertheater zu tun zu haben, wenn die Frage nach dem Ursprung des Namens „Aliceplatz“ aufkommt. „Zunächst / nur ein Ort / aus Asphalt // Aliceplatz // Und dann die Frage / die der Mattheit / verschlissener Fassaden widerstrebt / die Dunkelkammer aufreißt / das taube Herz aufhorchen lässt“.

Alice ist nur eine Erfindung, stellt sich heraus, aber sie lebt dennoch in den Metamorphosen der Tagträume – Dank der Magie der Lyrik, nur ihr kommt diese Fähigkeit zu. Und Cienfuegos ist ein Meister seines Fachs. Er beherrscht die Klaviatur der Zwischenwelten, die die Ebenen der Wahrnehmung von Kunst immer wieder neu definieren. „bevor sich das erste / leise gefaltete Blau / zu verwischtem Schweigen glättete“. Ist diese Klaviatur auch nur eine Erfindung? Oder ist Erfindung schon Zwischenwelt? „und immer nur / deine Hände fand / die meine Stimme / wie aus Nachterde ausgegraben / entkleideten“. Auch diese Übergänge sind fließend, solange wir unsere Sinne den gläsernen Labyrinthen solch hervorragender Lyriker anvertrauen.

„ein Vers / entschweigt / Licht // und als Gedicht / kommst du zurück“.

Francisco Cienfuegos. … und bricht das herz die einsamkeit?, Größenwahn Verlag, 2018

http://groessenwahn-verlag.de/verlagsprogramm/und-bricht-das-herz-die-einsamkeit/

 

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