Ugo Petrini. Seiltänzer der Leere. Funamboli del vuoto

Die Quadrate des Alltäglichen schreitet der italienische Lyriker Ugo Petrini in der Gedichtsammlung „Seiltänzer der Leere“ – gemeint sind die Eichhörnchen – ab. Sein Tempo: Piano, etwa wenn er dem Blick einer Katze folgt oder ihren Bewegungen „In der Stille / einer gestirnten Nacht / schleichst du dich / – Herrchen der Welt! -„.

Die Leichtigkeit der Verse, die eine faszinierende Ästhetik nicht entbehrt, überrascht. Dabei entschlüpft der Lyriker den Fangnetzen der Beschaulichkeit durch verblüffende Pointen, die nicht selten Philosophie veratmen. Das macht die Gedichte kontrastreich, die Spannungsbögen griffig. „Mit einem Leintuch / sich trocknen, / von den Toten erstehen / wie ein moderner / Lazarus.“

In den Gedichten, die die Katze in den Mittelpunkt stellen, paaren sich schlichte Eleganz mit gezähmter Erotik. Liebesgedichte? Die Distanz des Schauenden ist groß, der sich an das Mosaik des Lebens über den Lebensraum des Tieres und seiner Perspektive annähert. Und das hingebungsvoll. Dies ebenso in dem Gedicht, das die „weiße Tänzerin“ beschreibt, in einer märchenhaften Skurrilität, die erstaunen lässt und deren Humor anmutig ist. „erbebend, das Köpfchen / neigend wie im Gebet, / landet auf den gedüngten / Feldern (was macht sie wohl / zwischen dunkler, schmutziger / Jauche?): weißschimmernde Schöne, “.

Die Verse sammeln ihr Licht aus bunten, gläsernen Kugeln, die der Lyriker über die Straße rollen lässt, vorsichtig, leise, so dass niemand erweckt wird aus seinen Träumen. Sie betören gerade in ihrer Unaufdringlichkeit und sind voller Taktgefühl. Dabei spielen sie mit den Ebenen der Wahrnehmungen. Das macht ihre Mentalitäten feinporig. Vergänglichkeit entpuppt sich darin als eine Art Mythos. Eine besondere Kunst Petrinis. „Tote, verwüstete Arme des Rebstocks, / gebogene Strünke im Aufruhr, / längs der Hütten, in den Rebreihen: / Kruzifixe des Winters.“ Und das Lutschen eines Bonbons wird zur Metapher für einen ganzen Lebenslauf. „am Ende mit Mühe / geschluckt, / somit Schluss.“  Nichts bleibt. Was kommt? Morgen, Übermorgen. Ist die Zeit nur eine Farce?

Christoph Ferber hat die Gedichte aus dem Gesamtwerk ausgewählt und übersetzt, um sie erstmals dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren.

Ugo Petrini. Seiltänzer der Leere. Funamboli del vuoto, Limmat, 2017

http://www.limmatverlag.ch/programm/titel/815-seiltaenzer-der-leere-funamboli-del-vuoto.html

Giorgos Seferis. Logbücher

 

„Wir waren fröhlich an jenem Morgen; / der Abgrund eine stillgelegte Zisterne / an die das zarte Bein eines jungen Fauns schlug /“. Die drei „Logbücher“ von Giorgos Seferis sind der Versuch einer Philosophie über die Struktur des Erdgeschehens und die  Insignien, die sie in ihren Seelen hinterlässt. Eine Art hochpoetischer Landvermessung liegt hier vor, entstanden in den Jahren zwischen 1937 und 1955. Andrea Schellinger hat dieses Werk des großen Lyrikers neugriechischer Sprache und Literaturnobelpreisträgers neuübersetzt. Der Mensch in den unberechenbaren Gewässern seiner Zeit also ist darin Thema. Dies in seinem Durst und Streben nach existenziell notwendiger Gerechtigkeit und der Verbundenheit mit dem anderen. In einer Art unweigerlicher Zwangsläufigkeit wird die Liebe des Heimatlosen darin überhört als mögliche Rettung. „Die Sonne hat mir und dir gehört: wir teilten sie uns / wer leidet hinter der goldenen Seide, wer stirbt?“.

Inmitten des Zerwürfnisses aus Schatten und Licht wird aber auch die Gewöhnung und das Vergessen zur Überlebensstrategie. „Und was sich zugetragen hatte, war so still und ruhig wie das, was du siehst / war so still und ruhig, da unsere Seele nichts mehr hergab, um nachzudenken / nur die Kraft, ein paar Zeichen zu ritzen in Steine / die unter der Erinnerung auf Grund gegangen waren.“

Nur scheinbar ist die Prosa in den, an gerade erblühende schwarze Dahlien erinnernden Langgedichten der Sammlung übermächtig, aber die Prosaelemente sind nur Vehikel, Näpfe für die Lyrik, die sie mit klarem Dichterwasser füllt. Daraus ergibt sich eine atemberaubende Komposition, die, von einem erhabenen Rhythmus getragen, der an den wissenden Grundton der Seele rührt, auch in seiner Vertrautheit fasziniert. „wir, verstrickt in schmucken Netzen eines stimmigen Lebens, das zu Staub / verfiel, im Sande versackte / und nur zurückließ dies vage Schaukeln einer hohen Palme, das uns benommen / machte.“

Das Ensetzen über die Welt ist zweifelsohne präsent, aber immer wieder ist auch von den blutwarmen Zuströmen der Schönheit die Rede. „Ich schlafe, doch mein Herz wacht; / es schaut auf die Sterne am Himmel, aufs Ruder / und wie das Wasser am Steuer erblüht.“ Sie stimmen versöhnlich in der kosmischen Akrobatik des Werdens und Vergehens und über den Fragen nach ihren letzten Gründen.

Seferies verstand sich als „Diener zweier Herren“, war dem diplomatischen Dienst und seiner Dichtkunst unterstellt, und er litt daran. „ (…)Die äußere Unterwerfung wird mich lebenslang verletzen und in Mauern einschließen.“

Vielleicht aber waren es gerade diese Mauern, die dieser Geist brauchte, um immer wieder erneut mit einer großen Lyrik zu rebellieren, die erstaunt, erschreckt, aufwühlt und dann in wundersamer Weise zu beruhigen versteht. Alles scheint nicht so schlimm, solange es durch die Hand dieses Dichters geht.

„Doch alles war weiß, weil der große Schlaf weiß ist wie auch der große / Tod“.

Giorgos Seferis. Logbücher. Elfenbein, 2017

http://www.elfenbein-verlag.de/9783941184695.htm

Hellmuth Opitz. In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten

„In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“.  Schöner kann der Titel eines Lyrikbandes kaum sein, der Gedichte versammelt, die auch an Momente erinnern, in denen man in die Augen eines scheuen Rehes blickt. Sie sind feinfühlig und kraftvoll zugleich.

Opitz lyrische Texte sind vielfach als Exkurse zu lesen, die eine wunderbare Dramaturgie auf engstem Raum unterzubringen verstehen. Darin kommt es immer wieder zu verblüffenden Wendungen, die zwischen sanftem Humor und leiser Philosophie schweben.  „Diese dickflüssigen Sommernachmittage, / in denen wir schwammen,“

Die Texte  schimmern an den steilen Hängen des Alltags, in erster Linie, machen ihn zunächst feinporig und tränken ihn dann mit Farben und Sinnlichkeit. „Doch ganz gleich, ob mundtot oder / wundrot: Deine Lippen / sind Schießbudenrosen, / so ballerst du deine Sätze heraus.“

Der Rhythmus der einzelnen Gedichte variiert, wie auch die einzelnen Formen sich den Jahreszeiten der Gedanken dieses Lyrikers anzupassen scheinen. Mal ist er sehr melodisch, dann wieder scheint er sich zu verstecken, wenn das Zeitmanagement in Prosagedichten Überhand gewinnt. Immer aber ist sein Pulsieren zu spüren, das durch die Zeilen trägt und staunen lässt. „jetzt starren die Startblöcke / vor Rost, der gebräunt vom Salz / Wind, der kopfüber eintaucht.“

Sehr überzeugend ist auch die charmante Tiefgründigkeit, mit der Opitz zu schauen versteht. Niemals ist sie aufdringlich, niemals auf unterschwelligen Pathos angewiesen, stets spielerisch „die Hände im Kirchenschiff / dieser Klinik, Gesichter, in die / sich eine Müdigkeit festgebissen / hat wie ein wildes Tier,“

Diese Poesie, im freien Spiel der Kräfte zwischen Phantasie, gezähmtem Surrealismus und Alltagserfahrung, ist stark geerdet, das macht sie so sympathisch und auch unterhaltsam. „Auf Kommando steckten wir Strohhalme in den Sommer / und schlürften die Longdrinks ausgedehnter Nachmittage, / die leuchtenden Limonaden des Lichts. Wir schlürften“.

Immer wieder wirft Opitz uns mit seinen sehr eingängigen Bildern auf unseren Zeitgeist zurück. Aber stellt er ihn auch infrage? Kann man ihn eigentlich wirklich infrage stellen, wenn man selbst Teil dieses Zeitgeistes ist? Da sind Lyriker wie Maulwürfe und Opitz allemal.

„Eleganz ist auch nur ein Auffahrunfall / von Elend und Glanz, Glanz und Elend“.

Hellmuth Opitz. In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten. Pendragon, 2017

http://www.pendragon.de/book/in-diesen-leuchtenden-bernsteinmomenten/

Versuch über die Lyrik

Die Lyrik ist die zweite Stimme des Geistes. Als solche hat sie das Ohr an der grenzenlosen Vielschichtigkeit der Welt, denn sie kann fließende Übergänge erspüren, vor denen physikalische Gesetze versagen. Das öffnet Räume für neue Erfahrbarkeiten. Sie sind immer originell und die Möglichkeiten der Variationen, aus denen sie geboren werden, schier unendlich. Und diese Unendlichkeit kann zur Religion werden, da wo diese versagt, weil ihre Dogmen die filigranen Membranen des Geistes betäuben.

Deshalb unterwandert die Lyrik auch die Zeit, weil die Zeit Methode hat und als solche infrage zu stellen ist. Die Lyrik stellt sie infrage, in dem sie in der Morgendämmerung den Abend sucht und umgekehrt. Ist der Morgen im Abend? Oder ist das Gestern eine Erfindung auf den Spiegeln des Heute? Und ist der Traum realer als die Wirklichkeit? Die Lyrik gibt dem Atem unserer Träume ihr Wasserzeichen. Und Wasserzeichen kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das Licht hält. Und Lyrik kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das schrille Einvernehmen zwischen Pragmatismus und Geschäftsgebaren einer derben Unterhaltungskultur liest, die leisen Räume in den lauten Konzerthallen sucht. Und wer genau hinliest, entdeckt dabei seine eigene, unverwechselbare Musik, die sein Gestern, sein Heute und sein Morgen wie weiße Muscheln in zeitlose Meere sinken lässt, die nur ihm gehören.