Hartwig Mauritz. wälder kommen auf uns zu

Die Gedichte von Hartwig Mauritz sind wie Monumente, die ständig im Umbau begriffen sind. Als könnten sie in sich nicht ruhen. Und diese Ruhelosigkeit ist mitreißend und hinreißend zugleich, wenn sie auf der bizarren Klaviatur des Lebens spielt. Die Stadt, der Schreibtisch, die Natur, der Wald, das Licht etwa oder die Erinnerung, Wegbegleiter des Alltäglichen, explodieren dabei unter der Hand des Dichters. „das licht liegt abgegrast. die wegstrecke aus dünnen drüsen gedrückt / kristallkugel mit linsenzylinder, gliedfüßler kopfüber im augenwinkel / tastet ein Schatten den herbst ab. altweibersommer. auf langem faden“.

Vieles ist dabei kryptisch, wie eben auch die Weltzusammenhänge, ganzheitlich betrachtet, kryptisch sind. Ein prächtiges Abbild also liefert dieser Band, fein ziseliert in die erkaltete Lava der Unzulänglichkeit menschlichen Geistes, das „dämmertier gesichtsfeld“.

„wälder kommen auf uns zu“. Und die Wälder haben Krieg getrunken, und sie werden Krieg trinken. „ächzen äste unter last brechen tannen baumkrepierer / granatbeschuss und splitter wachsen in hundert jahren“. Eine unglaublich gute Vision, die sowohl rückwärtsgewandt ist als auch auf Künftiges verweist. Ist der Krieg systemimmanent, weil er nicht wegzudenken ist aus der Menschheitsgeschichte? Was sagen die Dichter wie Hartwig Mauritz? Sie belegen ihn mit ihren Versen wie mit einer Art Voodoo Zauber. Der Ausgang ist ungewiss. Krieg jedenfalls beginnt in den Köpfen und nicht alle lesen Gedichte dieser exzellenten Machart, die ein Höchstmaß an Verdichtung erreicht. Besonders eindringlich wird das, wenn in ihnen Natur und Technik zur Fusion gebracht werden. Wohl nicht von ungefähr geschieht dies. Hat man es nicht nur mit einem Dichter, sondern auch mit einem studierten Elektrotechniker zu tun. „die lampe nicht geschaltet. im smartphone reißt / ein elektronischer wolf deine augen auf, löst seine leine // sein nachtleib leuchtet zum nachteil deines nachbarn / lautlos klopft seine stimme in deinem kopf. sein led-himmel“.

Dann wieder ist der Mensch, das Du, vollkommen der Technik ausgeliefert, hat ihr keine Natur mehr entgegenzusetzen. Jener Ort am Bildschirm ist hermetisch abgeriegelt. Das digitale Gefängnis schluckt jene, die es anbeten. Eine Zustandsbeschreibung, die einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik nicht entbehrt. Die Abfolge der Bilder auch in solchen Gedichten ist rasant und dem Thema angemessen. „unter leuchtstofflampen hellen deine haut auf. innen trägst du sie / wo dörfer, felder, gräben keine bilder in die fenster hängen / nur das bildschirmlicht trifft dein gesicht. deine freundin“.

Dieser Lyriker schafft mit seinen Gedichten neue, faszinierende Wirklichkeiten, die zum Nachdenken anregen und es gleichzeitig begehren wie eine Geliebte. Mehr kann ein feinfühliger Dialog zwischen Autor und Leser nicht erreichen. Famos.

Hartwig Mauritz. Wälder kommen auf uns zu. Rimbaud, 2017

https://www.rimbaud.de/lyrik.html#waelderkommenaufunszu

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