André Schinkel. Bodenkunde

André Schinkels Gedichte sind die leisen Botschaften im Relief von Muscheln am Strand,  salzig und erdnah. Sie zerstäuben Weisheiten, die sich der Transzendenz verweigern, gleichzeitig aber transzendent sind, wie es die Lyrik, als zweite Stimme des Geistes nur sein kann.  „Immer wieder pflanzt // Muhme Natur dir Ane- / Monen und Wollgras / Ins Anlitz – allein du / Gibst dich, ein schweigender / Dämon, für Stürme und “. Gern bricht diese Stimme, die in starken Rhythmen spricht, Idyllen auf, wenn sie sich über Natur und Geröll erhebt. „Wirrer Ausbruch der / Frühe, von den Quellen, ins / verröchelnde Nichts.“

Auf wissenschaftlichem Gebiet arbeitet Schinkel interdisziplinär, spürt, nach eigenen Angaben, der Annäherung zwischen Archäologie und Literatur nach – da hätte der Titel des Bandes treffender nicht ausfallen können. „Du steigst hinauf, die verlorenen Lieben zu zählen: das / Licht über dem Tal: der Fuß im Stein eine Auster.“

Zuweilen ist man an die Gesänge des Ossian in Goethes Werther erinnert. Wenn auch mit vollkommen anderer Intention. Nicht Verzweiflung, sondern Erstaunen pflastern den Enthusiasmus, mit dem die Steilufer der Lebenszusammenhänge beschrieben werden, der „Samtsaum deiner Hüften“ etwa oder „Die Mammutsteppe / Im neuen Jahrtausend, bis / An den Rand gefüllt:“  Die Webart dieser Gegenwartslyrik scheint mit dem Pathos vergangener Jahrhunderte zu spielen. Avancen an die alten Meister oder Fortsetzung einer Melodie, die über den Zeiten vibriert? „Das ist der Bogen / Am Ende der Sehnsucht,“ Wo ist ihr Anfang? Von „gestirnloser Hoffnung“ ist die Rede.

Kann die Liebe retten? Aber „Wir sind Rosen-Käfer im Wind der Verdammnis“ sagt das lyrische Ich zu der Geliebten. Die Liebesgedichte sind atemberaubend, flirren vor Anmut und Schönheit wie die Geliebte selbst. „Du bist eine Lilie / Aus Lodern und Schnee.“ Aber auch sie bleiben der Endlichkeit als ihrer eigentlichen Göttin ergeben. „Glücklich über den einen / Moment, bevor die Welt, eine/ Unstillbare Liebe, mit ihren Apokalyptischen Jungfern, // Bananenstauden, den Hexen / Und Eichelhähern wieder / Versinkt. Besinne dich nicht – / Es gibt kein weiteres Mal.“

Ein großer Lyriker hat hier beeindruckende Kostproben seines Könnens vorgelegt, Gedichte, die, interdisziplinär gedacht, an die Inklusen im Bernstein erinnern.

André Schinkel. Bodenkunde. mitteldeutscher Verlag, 2017

http://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/schinkel,-andr%C3%A9-bodenkunde-detail

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