Paul-Henri Campbell. nach den narkosen

„und die sättigung rotlichtlein dort am finger / vergesse nicht vom tropf fällt flauschig schlaf / sobald sie fortgeht die nachtlang über herzen.“

Jour fixe mit dem Tod, den die Maschinen umzingeln. Paul-Henri Campbell, der seit frühester Kindheit an einem Herzfehler leidet, kennt ihn. Die Gedichte des ersten Teils des Bandes, der ihm auch den Titel gibt und jener, der überschrieben ist mit „ein heer von engeln und scholastern“ – hier gleichsam eine Losung setzend – sind ihm gewidmet, könnte man meinen. Oder verbirgt sich dahinter eher eine Hommage an den Segen der Medizin? Mitnichten. Klein, blass und ausgeliefert scheint das Individuum, wenn es so frisch operiert daliegt, verkabelt in eine schmale Zeit.

Obendrein suppt und tröpfelt es in den Gedichten, und es geht blutig zu in dem sterilen Trancezustand nach dem Erwachen aus den Narkosen. Das macht die Gedichte ob ihrer Thematik abstoßend, ob ihrer Poesie ungemein anziehend. Der Gegensatz verkehrt die Mentalitäten von gesund und krank. „Die Sprache aber, die ich meine, kommt aus der Insuffizienz. Sie weiß von vornherein, dass sie eine andere Welt bewohnt“, schreibt der 1982 geborene, deutsch-amerikanische Lyriker in seinem Nachwort. Damit stößt er die Intimität des Kranken in einzigartiger Weise auf und feiert sie wie eine Revolution. Auch Visionen von der Geliebten des lyrischen Ichs haben darin Platz, die sich in dem Labyrinth der Apparaturen und medizinischen Maßnahmen verlieren. „und nichts fühl ich dort / im subkutanen interkostalen / terrain das an / dich erinnert“.

Das Selbst liegt wie ein ungeschütztes Ei inmitten der Funktionalität der Maschinen und Instrumente. „ja seltsam teil dieser warenkette zu sein / dem markt gehören der welt die ihn bedingt / verpflichtet zu sein zum leben unwiderruflich.“ Pflichterfüllung wird zum Überlebensprinzip.

Die Gedichte, formal sehr unterschiedlich, sind wie ein changierender Stoff, funktionieren auf einer Metaebenen, die die Wahrnehmung eines Patienten durch lyrischen Mittel erfahrbar macht. Sie sind anregend für die Identifikation auch der Gesunden, die die Sprache in der Sprache verstehen. Ein kunstvoller Teil dieser brillanten Inszenierung und ein glänzendes Beispiel dafür, wie Lyrik dazu beiträgt, den Blick auf Wirklichkeiten zu verändern oder zu korrigieren, im besten Fall.

„es ist kein nistender vogel / der vom blinkenden kasten / hinter deinem lager schrill / in intervallen hervorschreit / es ist nur das kardiogramm / das wacht und fiept über dir“

Im letzten Teil des Bandes stehen nicht Verbände, Skalpelle, Hirnabszesse im Mittelpunkt, sondern Grünanlagen, „gärten ohne menschen“ im periodischen Wippen der Beobachtung. Und ein „barocker reliquiar im museum“, „das kniegelenk / von einem katakombenkorpus / zu rom gesägt und über / die alpen geschmuggelt geraubt“. Ist man hier um Ausgleich bemüht? Ausgleich für was? Für das, was uns jeden Tag passieren kann, die Kolumnen des Schicksals? Sie können es vertragen.

Paul-Henri Campbell. nach den Narkosen, Wunderhorn, 2017.

http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_556_0/index_ger.html

2 Kommentare zu „Paul-Henri Campbell. nach den narkosen

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