Guten Rutsch

Ich wünsche euch für 2018 vor allem guten Lesestoff, faszinierende Lyrik, spannende Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, alles was nachhaltig ist und eurer Wahrnehmung der Wirklichkeit neue Facetten verleiht, die verändern, bereichern, oder sie ganz neu inszenieren.

Auf meinem Blog werden ich allerdings künftig ausschließlich nur noch Lyrik vorstellen. Ihr gehört mein ganzes Herz.

Luís Quintais. Glas

Luís Quintais macht in seiner Lyrik Utopien begehbar, immer in dem Bewusstsein, dass sie vergänglich sind, wie alles, was den Fluss der Innen- und Außenwelten meint. Eine Klage darüber gibt es nicht in dem ersten Teil dieses Bandes, der in einem fortlaufenden Text, sich in drei Zweizeilern pro Seite gliedernd, nach einem roten Faden suchen lässt. Jener aber ist silbern, glänzt wie die Schuppen von Fischen, die durch ein träges Sonnenlicht schwimmen, meint die Idee der Psyche in ihrer Abhängigkeit von einer für sie eigentlich viel zu makaberen Welt. Immer wieder sucht sie darin nach Abbildern, um sich zu definieren. Letztlich aber müssen diese Bemühungen scheitern.

„Dort werde ich der Schiffbrüchige sein, der auf keine / Rettung mehr hofft, weil die Lösung im Puzzle / des Wartens liegt. Der Schiffbrüchige, der selbst Schiffbruch ist, / und die Insel, die sich von den / Strapazen der Suchenden loslöst, die Oase der Schmerzen, / unter Fahrbahnen voll dichten Verkehrs halluziniert.“

Fragmente, Aufrisse, diese Vokabeln fallen einem ein, wenn man Quintais Lyrik  betrachtet. Doch bei näherem Hinfühlen wird offenkundig, dass man es hier mit der reinen Substanz der Wahrnehmung zu tun hat. Und die ist niemals Fragment, sondern immer ganzheitlich. Sie muss nur weitergedacht werden.

„als wäre alles nun Entropie, / der materielle Wust, aus dem unsere Träume / sich zusammensetzen, das Tuch, das unser / Anlitz verhüllt und das gestohlene Licht der Ferne / verewigt. Türen öffnen sich und du wirst geblendet von / dem Glanz der Vergangenheit, und du läufst / darauf zu, an nichts anderes glaubend, was nicht / “

Der aus einzelnen Prosagedichten bestehende zweite Teil des Bandes ist mit Echolalie überschrieben. Echolalie ist das zwanghafte Wiederholen von Wörtern und Sätzen von Gesprächspartner, wie es Schizophrene an den Tag legen.

Handelt Quintais unter Zwängen, wenn er Wörter und Motive eines Gedichtes in einem oder mehreren anderen wieder aufgreift? Man könnte diesen Vorgang auch als Wiedergeburt in neuen Sinnzusammenhängen begreifen, was dem Lyriker in exzellenter Weise glückt. „Das Gedächtnis ist ein Grabmal oder ein Aschenhügel willkürlicher Herkunft.“

„Jenseits dieses Glases gibt es noch Asche. Im Glas, mein Spiegelbild auf Glas und Asche.“

Die Orte dieser Wiedergeburt sind gläsern. „Der Teufel wird wie ein Tennisball kommen und das Glas der Biografie zerbersten lassen.“

Und sie sind zerbrechlich, demzufolge. Vielleicht, um die Wörter und Motive zu schützen, müssen sie deshalb zwanghaft in wieder neue Sinnzusammenhänge gebracht  werden. An dieser Stelle ist Lyrik von ungeheurer Macht. Quintais hält uns diese Macht in ihrer stillen Eleganz und atemberaubenden Schonungslosigkeit vor Augen.

Mário Gomes hat die Gedichte übersetzt. Zu beklagen wäre, dass die Ausgabe nicht zweisprachig vorliegt, denn auch Übersetzungen sind Wiedergeburten, wenn auch in ganz anderer Weise.

Luís Quintais. Glas. Aphaia Verlag, 2017

http://www.aphaia.de/b%C3%BCcher/glas-o-vidro/

Paul-Henri Campbell. nach den narkosen

„und die sättigung rotlichtlein dort am finger / vergesse nicht vom tropf fällt flauschig schlaf / sobald sie fortgeht die nachtlang über herzen.“

Jour fixe mit dem Tod, den die Maschinen umzingeln. Paul-Henri Campbell, der seit frühester Kindheit an einem Herzfehler leidet, kennt ihn. Die Gedichte des ersten Teils des Bandes, der ihm auch den Titel gibt und jener, der überschrieben ist mit „ein heer von engeln und scholastern“ – hier gleichsam eine Losung setzend – sind ihm gewidmet, könnte man meinen. Oder verbirgt sich dahinter eher eine Hommage an den Segen der Medizin? Mitnichten. Klein, blass und ausgeliefert scheint das Individuum, wenn es so frisch operiert daliegt, verkabelt in eine schmale Zeit.

Obendrein suppt und tröpfelt es in den Gedichten, und es geht blutig zu in dem sterilen Trancezustand nach dem Erwachen aus den Narkosen. Das macht die Gedichte ob ihrer Thematik abstoßend, ob ihrer Poesie ungemein anziehend. Der Gegensatz verkehrt die Mentalitäten von gesund und krank. „Die Sprache aber, die ich meine, kommt aus der Insuffizienz. Sie weiß von vornherein, dass sie eine andere Welt bewohnt“, schreibt der 1982 geborene, deutsch-amerikanische Lyriker in seinem Nachwort. Damit stößt er die Intimität des Kranken in einzigartiger Weise auf und feiert sie wie eine Revolution. Auch Visionen von der Geliebten des lyrischen Ichs haben darin Platz, die sich in dem Labyrinth der Apparaturen und medizinischen Maßnahmen verlieren. „und nichts fühl ich dort / im subkutanen interkostalen / terrain das an / dich erinnert“.

Das Selbst liegt wie ein ungeschütztes Ei inmitten der Funktionalität der Maschinen und Instrumente. „ja seltsam teil dieser warenkette zu sein / dem markt gehören der welt die ihn bedingt / verpflichtet zu sein zum leben unwiderruflich.“ Pflichterfüllung wird zum Überlebensprinzip.

Die Gedichte, formal sehr unterschiedlich, sind wie ein changierender Stoff, funktionieren auf einer Metaebenen, die die Wahrnehmung eines Patienten durch lyrischen Mittel erfahrbar macht. Sie sind anregend für die Identifikation auch der Gesunden, die die Sprache in der Sprache verstehen. Ein kunstvoller Teil dieser brillanten Inszenierung und ein glänzendes Beispiel dafür, wie Lyrik dazu beiträgt, den Blick auf Wirklichkeiten zu verändern oder zu korrigieren, im besten Fall.

„es ist kein nistender vogel / der vom blinkenden kasten / hinter deinem lager schrill / in intervallen hervorschreit / es ist nur das kardiogramm / das wacht und fiept über dir“

Im letzten Teil des Bandes stehen nicht Verbände, Skalpelle, Hirnabszesse im Mittelpunkt, sondern Grünanlagen, „gärten ohne menschen“ im periodischen Wippen der Beobachtung. Und ein „barocker reliquiar im museum“, „das kniegelenk / von einem katakombenkorpus / zu rom gesägt und über / die alpen geschmuggelt geraubt“. Ist man hier um Ausgleich bemüht? Ausgleich für was? Für das, was uns jeden Tag passieren kann, die Kolumnen des Schicksals? Sie können es vertragen.

Paul-Henri Campbell. nach den Narkosen, Wunderhorn, 2017.

http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_556_0/index_ger.html

Sergej Tenjatnikow. Aus deinem Auge schlüpft der Kuckuck

„die Welt, schwarz-weiß geworden, / liegt in Schneebergen der Poesie“ und damit in den wunderbaren russischen Gedichten von Sergej Tenjatnikow, die der Lyriker zudem in diesem zweisprachigen Band ins Deutsche übertragen hat.

Die Beziehung des Menschen zwischen seiner inneren Umgebung und dem Inneren seiner äußeren Umgebung nimmt darin breite Räume ein. Sie sind wohlgestaltet, in klaren Farben gehalten, formschön und mit berückend originellem Mobiliar versehen. „die Glühbirne schaut in die Augen, / als ob sie ahnt, dass in mir ihre Schwester brennt,“ Dazu im Kontrast stehen Prosagedichte mit stark narrativem Charakter, die ihren Stoff auch aus der Antike holen, ihn glänzend inszenieren und neu erfinden. So in dem Gedicht „Ross des Imperators“, in dem in einer Art Chronistenpflicht beschrieben wird, wie ein Pferd das „erste Imperium Rossum in der Geschichte“ begründet.

Wahre Meisterschaft der Verdichtung zeigt der Lyriker dann in dem elfzeiligen Gedicht „Immigrant“. 40 000 Jahre Menschheitsgeschichte finden sich darin in grandioser Weise zusammengefasst.

Dann wieder streut die Wahrnehmung, – auch das eine Kunst – wenn sie sich auf Momente und Details bezieht. Die einzelnen Zeilen scheinen nichts miteinander zu tun haben zu wollen, stehen da wie Gegner, verkörpern die Unruhe, das Ablenken vom Eigentlichen in eindringlichen lyrischen Bewusstseinsströmen.

Was ist das Eigentliche in den Gedichten von Tenjatnikow, die „Vergesslichkeit der Hand, / die ein geheimes Zeichen in der Luft beschreibt …  “ oder „das menschliche Gesicht“, das „jedoch fürs Gebet geschaffen“ ist? Oder gar die Physiognomie der Leere? „gewissermaßen schreibt jeder Zug / seinen eigenen Roman. / und wenn das lyrische Ich ein Tut-Tut hört, / bleibt Es panisch am Fenster kleben – / in der Angst, dass seine Reise / in irgendeinem Loch endet,“.

Alles in allem liegen die Gedichte in einem Schoß, der verhältnismäßig warm ist, und der auch Humor duldet, da, wo er passt, ohne zu verflachen, was ein Höchstmaß an Taktgefühl vorrausetzt. „lass uns auf diesem Sofa am Meer heimisch werden, / welches der in uns verliebte Gott versalzen hat.“ Tenjatnikow hat dieses Taktgefühl, das seine Anwendung auch in immer wieder verblüffenden Pointen findet. In dem Gedicht „Nachtleben“ trifft das lyrische Ich nach seinem Tod im Himmel auf seinen Vater, der sich nach den Menschen erkundigt. Zum Ende hin heißt es: „Ich machte es mir auf der Wolke bequem, nahm ein / Mikroskop und betrachtete die Erde: Schmutzige, bärtige / Männer rannten den anderen schmutzigen, bärtigen Männern / hinterher. Einige fielen um und blieben auf der Erde liegen.“

Damit ist alles gesagt.

Sergej Tenjatnikow. Aus deinem Auge schlüpft der Kuckuck. Lychatz Verlag, 2017

http://www.lychatz.com/lyrik.php

Rolf Jacobsen. Nachtoffen

„Denn das Wort ist wie das Gras. / Es IST einfach da. Schneid es kurz, / mach es platt. Und trampele darauf. / Und trampele. / Es wächst wieder nach, /“

Die Strahlkraft der Gedichte des 1994 verstorbenen, norwegischen Lyrikers Rolf Jacobsen ist ungebrochen und wird dies auch bleiben. Nicht zuletzt ist dies ihrer faszinierenden Zeitlosigkeit geschuldet.

Das Thema des Einfalls der Technik in die Natur nimmt breiten Raum ein in diesem Band, der Kostproben aus rund einem halben Jahrhundert Schaffenszeit versammelt, die Klaus Anders, der ebenfalls Lyriker ist, übersetzt und herausgegeben hat. Dieser Einfall scheint Fassungslosigkeit auszulösen bei Jacobsen, die oberhalb der Schneegrenze zu einer ruhelosen Faszination angesiedelt ist. Die Stadt wird zur wilden Hexe, die Brandsätze gelegt hat, die die Natur zum vibrieren bringt. „Das Nervengeflecht aus Telefonkabeln. / Die hohlen Adern der Gasleitungen. / Kloaken / “

Wie zur Beruhigung stehen daneben die reinen Naturgedichte, deren Sinnlichkeit nicht ohne Originalität ist. In dem Gedicht Stammholz heißt es: „Es hat die Farbe von Brot und Frauenkörpern / und in sich den schimmernden Willen, der vielleicht / aus großer Liebe kommt“ und „Die großen Flüsse nehmen sich seiner an. / (Ist da eine Liebe zwischen den Kräften von Holz und Wasser?)“. Auch an der Magie der Momente etwa, die in einer Wasserspiegelung liegen, feiert die Liebe des Lyrikers zu Mutter Erde große Feste, die den Komsos nicht ausschließen. „Denn die Erde, sagt sie, ist selbst eine Blüte / am Sternenbaum, / bleich und mit Blättern / aus leuchtendem Meer.“

Aber man täte Jacobsen Unrecht, wollte man ihn als einen reinen Zivilisationskritiker beschreiben, auch wenn das naheliegt. Er ist ein Schauender in erster Linie, und nur als solcher kann er auch den philosophischen Ansprüchen gerecht werden in den Gedichten, in denen er uns tief in die Schluchten seiner Erkenntnisse blicken lässt. „Jeden Tag gehen andere Züge aus den Städten ins Land, / nicht so lange, aber sie nehmen zu, nehmen zu. / Sie verlassen den Tod, die Einsamkeit, die Scham / und gehen in unbekanntes Land. Werden auch Träume zerstört, / so bleibt doch die Hoffnung. Sonst wären wir Tote.“

Ein letztes Wort sei den hochsensiblen Liebesgedichten gegönnt, die sich zum Ende hin sortiert finden. Die geliebte Frau ist gestorben. Das Gedicht „Plötzlich. Im Dezember“ etwa kommt in der Klage darüber ohne die Transparenz des Todes aus und hält sich an das, was ist und was nicht mehr ist und an das, was sein könnte, irgendwann, gelenkt durch die zarten Membranen der Metaphysik, die der Erdung mehr bedürfen, als ihnen gemeinhin zugestanden wird.

“ – Unterm Schnee. Unter dem braunen Kranz.“

Rolf Jacobsen. Nachtoffen. Edition Rugerup, 2017

https://www.edition-rugerup.de/?product=nachtoffen

Flamingos

Schnee fällt auf die eisigen Häute im Garten. Ich habe sie abgelegt

wie Mäntel an der Garderobe eines Theaters.

Ihre Kälte verliert sich in der Erde zwischen den dumpfen Schreien des Mondes.

Ich setze mich an ein kleines Feuer und streue Rosenblätter in blaue Flammen,

die darin zu weißen Schleiern werden.

Ich lege die weißen Schleier über meine kranken Gedanken.

Die Gedanken lernen zu schweigen, daraufhin.

Flamingos fliegen auf die leeren Plätze ihrer Rede …

 

Das Parfüm der Erde umgibt sie. Es riecht nach dem Schweiß des Kosmos.

Gott ist ohne Geruch. Dafür seine Geduld elastisch,

denn der Teufel ist nur ein Placebo. Ich balanciere über die Geduld Gottes

ohne die Flamingos zu stören, balanciere zum Schweigen Christi.

Maria hat es geboren in einer Stunde der Achtsamkeit.

 

Ich halte mich an die Flamingos, wenn ich sprechen möchte,

spreche mit ihnen über die Waghalsigkeit der Träume und die Farbe der Weisheit.

Die Weisheit ist blau, sagen sie, aber nur im Sonnenlicht. In der Nacht ist sie farblos.

 

Kerstin Fischer

Lyrik und Aquarell

Uwe Kolbe. Psalmen

Ein gewagtes Unterfangen, sich an die Nachdichtung der alttestamentlichen Psalmen zu wagen. Dabei wäre Nachdichtung ohnehin das falsche Wort. Uwe Kolbe berührt die wortgewaltigen Gebete und Lieder, lässt sich von ihnen infizieren. Und dies in verblüffender Weise. Der Ausdruck dieser Berührungen ist besonders eindringlich in den Texten, in denen sich archaische Elemente in moderne Lyrik gegossen finden, was interessante Spannungsbögen schafft. Ein lyrisches Ich führt darin die Regie. Es ist selbstbewusst und abhängig zugleich. Diese Ambivalenz gerade treibt es an, auch zur Rebellion gegen seinen Herrn. Obwohl es auch enttäuscht ist von ihm, wird es nicht müde, ihn zu suchen.  Immer wieder zerbricht dabei die Gottesvision wie Traumglas, um neu aufgebaut zu werden. Ausdruck der wohl stärksten Form des Glaubens. „Vogelgleich findest du mich / wieder, der ich deinem Wort folge,“

Die Symbiose, die bei der Zwiesprache zwischen Gott und lyrischem Ich entsteht, baut in diesen Texten mit feinem, weißen Sand eine Insel in die schäumenden Meere des Zweifels und der Verzweiflung. Zwar ist er blutig und tränennass, aber von einer unumstößlichen Daseinsberechtigung. „Du, Herr, hast sonst Minen der Welt / versperrt mit dem Siegel der Güte / und uns ins Museum gestellt, / wohin das Blut geht als Blüte, / wenn es vergossen wurde, ins Bild.“

Die Metamorphosen der Liebe Gottes werden inszeniert und als solche genommen. Die dazugehörigen brillanten Bilder graben tief und beeindrucken, wie man es von Kolbe gewohnt ist, durch poetische Kraft. „war mein Buch ein langes Register, dein Licht dagegen / sprühte wie unter dem Hammer des Schmieds. / Was bleibt sonst auch. Ein Abfinden, das hier und da aber nicht ohne Rebellion auskommt.

Das Kolbe sich indes mit eigenen Psalmen an „Gott in seinen tausend Gewändern“ richtet und seine Lyrik über den Resonanzboden der Bibel erklingen lässt, ist neu bei ihm und überraschend. Diese Vorgehensweise wird in dem von ihm selbstverfassten Geleit des Bandes im Übrigen gleich wieder angezweifelt. „Aber das sind nicht Psalmen, die auf einen Himmel ausgehen, das sind Gedichte, Fragen und auch manches Flehen, (…)“

Uwe Kolbe, ein Gottsucher wie Nietzsche? Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu dem großen Philosophen: Der Lyriker hat Gott gefunden, weil er sich den Zweifel zum Verbündeten gemacht hat und nicht zum Widersacher.

„Lass nur den Weg mich, der noch bleibt, / an deiner Hand zu Ende gehen. /, heißt es in den letzten beiden Zeilen des Psalms „An Dich“, der diesen schönen, in optischer Schlichtheit bestechenden Band abschließt.

Uwe Kolbe. Psalmen. S. Fischer, 2017

https://www.fischerverlage.de/buch/psalmen/9783100014580

Dinçer Güçyeter. Aus Glut geschnitzt

„die Staubwolken des Paradieses“ und nichts Geringeres wirbelt die Lyrik des Dichters Dinçer Güçyeter auf. Dabei wird das Pathos in faszinierender Weise ganz neu erfunden. Es klingt sonor und gleichzeitig wie der Gesang einer Nachtigall, der sich auch über die Leiderfahrung erhebt.  „an fernen Himmeln schimmern die Sterne goldig. Dort werden die schönsten / Märchen erzählt. Dort müssen die Kinder früh ihre Flügel ablegen … zu früh / bevor der Mensch geboren ist!“

Die Gedichte handeln von Verwundung, aber auch von Lebenslust, eines scheint das andere zu erzeugen.„die Chronik meiner Geschichte ist ein Gastarbeitermuseum: /“

Dinçer Güçyeter hat einen Becher voller Schatten getrunken, jenen aber nach Absetzen randvoll mit Liebe gefüllt, wie es einem vorkommt. Hat ihn das weise gemacht? Etliche seiner hochpoetischen Gedichte jedenfalls warten mit tiefen Weisheiten auf. „der Tod eines Vaters ist die zweite Geburt des Sohnes“. Und sie glitzern wie Märchen. Überhaupt hat man das Gefühl in einem Märchenbuch zu blättern. Das ist auch der phantastischen Bebilderung dieses farbenprächtigen Bandes geschuldet. Kunstvolle Collagen, Fotos von Yavuz Arslan und Ornamente auf türkisem Grund inszenieren das Zusammenfließen der Magie geträumter Möglichkeiten und den Gesichtern des Alltags in ganz herausragender Weise. Aber sie hüten sich davor zu erschrecken. Wenn diese Lyrik den Abschaum von den Lippen des Lebens sammelt, ist sie ohnehin tragfähig für eine ungeheure Authentizität, die einem bis ins Mark fährt. Das Gedicht „Ophelia à la turca“, das den Missbrauch eines Mädchens thematisiert, ist dazu in raffinierter Weise in zwei Teile gegliedert, in den „Monolog der Mutter“ und jenen der Missbrauchten, den „Monolog der Tochter“.

„die Mutter trug den Frost der Nacht auf ihren Wimpern“ (Mutter).

„ich spüre den glühenden Dolch in mir“ (Tochter).

Die grauen Schuppen der Bewegungslosigkeit legen sich in diesem tragischen Zuspiel  über die Tränen der Tochter. Nicht nur die Bewegungslosigkeit der Mutter ist gemeint, sondern unser aller Bewegungslosigkeit angesichts des Leidens unserer Mitmenschen. Wohl nicht von ungefähr ist einer der zehn Teile des Bandes mit „alle Welt wollte Frieden und schickte die Welt in die Flucht … “ überschrieben. „und jedes Mal, wenn ein Boot im Mittelmeer sinkt / rinnen aus unserem Schoß die Kadaver der bunten Schmetterlinge / “

Immer wieder holt die Lyrik in diesem Gedichtband weit aus, vermischt die Farben des Himmels mit denen der Erde und rüttelt an den Gittern der Metaphysik. „ich und der Himmel / wir haben uns entkleidet, wir haben uns geliebt / haben uns einander Wunden zugefügt“. Das macht viele der Gedichte geradezu spektakulär und verleiht ihnen Nachhaltigkeit und Charisma.

Dinçer Güçyeter. Aus Glut geschnitzt. Gedichte. Elif Verlag, 2017

http://elifverlag.de/produkt/aus-glut-geschnitzt/