Ludwig Steinherr. Alpenüberquerung

„Ich – ein Nachtfalter an der Scheibe – / Gebannt -hypnotisiert – aufgespießt / vom Klirren der Gläser / vom Blitzen entschwundener Worte /“.

Die Gedichte von Ludwig Steinherr sind Erzählungen, vom Dichter veratmet zum Gedicht. Sie bestechen in ihrer Pointiertheit, die etwa das Dilemma zwischen Kirchenfrömmigkeit und wirklichem Glauben in grandioser Weise aufzulösen trachtet. Etwa in dem Abschnitt „Heiliges Wasser“, der, getragen von einer poetisierenden  Religionskritik, den Einfall religiöser Visionen und Themen in den Alltag inszeniert und gleichsam entlarvt. „Eine unsichtbare Hand / stülpt eine Kathedrale über uns – “ Man fühlt sich ertappt und erlöst zugleich.

Andernorts finden sich Epochenverschiebungen durch die wunderbare Vexierbilder enstehen, „Dieser Nachmittag entzündet seine Gasflammen / im 19. Jahrhundert – “, oder in denen uns Gestalten aus der griechischen Mythologie wie Brüder und Schwestern erscheinen.

Alles in diesem üppigen Band ist ungeheuer präsent und nachhaltig wie ein schweres Winterparfüm.  Dabei nicht ohne – man möchte sagen- veredelnde Komik, die tiefschürfenden philosophischen Fragen und weisen Einsichten immer wieder eine Leichtigkeit verleiht, die verblüfft. Der Blick auf den Alltag ist dabei wohlwollend, lebensbejahend, vielleicht versöhnlich, selbst noch in dem Gedicht „Theodizee“, zunächst eine scheinbare Hommage an die Hoffnungslosigkeit „ Aber dann kommt doch wieder / ein Greisenpaar daher gehumpelt / (es kann unmöglich dasselbe sein !) / legt ein welkes Sträußchen Margeriten ab / und bewegt die trockenen Lippen / als würde es beten“.

Das Buch ist unterteilt in zehn Teile. Der letzte beinhaltet im Gegensatz zu den übrigen nur ein einziges Gedicht und ist überschrieben mit „Brief an die Kunsträuber des Castelvecchio in Verona“. Ein Porträt wird zur Ex-Geliebten, der Raub von Pisanellos „Madonna della Quaglia“ beklagt. Stoff für eine faszinierende Komödie zu einer tatsächlichen Begebenheit, einem Kunstraub aus dem Jahr 2015. Alles findet sich darin noch einmal auf die Spitze getrieben, ein Agreement zwischen hoher Poesie, Komik, Philospohie, Religionskritik und Allzumenschlichem, das auf eine Pointe zurast, die uns verdeutlicht, dass uns nur zwei Dinge bleiben, um die Welt zu ertragen, über sie zu lachen und „Die Stille im Gedicht“, vielleicht…

„Du könntest eine Stecknadel fallen hören / doch du selbst bist die Stecknadel – / Du fällst – / Es macht: Tick!“

Ludwig Steinherr. Alpenüberquerung. Lyrik Edition 2000, Allitera, 2016

https://www.allitera-verlag.de/buch/alpenueberquerung/

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