Ragnar Helgi Ólafsson. Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können

 

„Die Wirklichkeit hat angerufen, sie habe genug / von den poetischen Eingriffen des Dichters in ihre / Existenz.“ Der isländische Dichter Ragnar Helgi Ólafsson spielt in seinen Texten und Liedern mit dieser Wirklichkeit, ihrem Alltag, ihren Alltagsbewohnern und mit uns. Er führt uns an der Nase herum. Das ist ganz wörtlich zu nehmen, denkt man an das visuelle Gedicht „Der Unterschied zwischen einer Straße und einer Ringstrasse“ in diesem Lyrikband. Beim Lesen muss das Buch wieder und wieder gedreht werden.

Viele der Gedichte sind wie zarte Adern, die durch einen künstlichen, schönen Körper schimmern, der die Möglichkeiten des Menschseins immer wieder gegen das Licht des Surrealen spiegelt. Eine besondere Kunst seiner Texte liegt darin, dass dieses Surreale, das Ólafsson zu lieben scheint, ganz natürlich daherkommt. Als sei es das Normalste von der Welt. „Die meisten werden in ihrer Gegenwart einen Beruf / und einen festen Wohnsitz haben, / aber während ihrer Freizeit reisen sie durch die Zeit.“

Ist Gott in dieser Gegenwart Philosophie? Das könnte sich der Leser fragen, wenn er das erzählende Gedicht „NOCH EIN PAAR WORTE ÜBER SPIEGEL“anschließt.

Sind wir am Ende selber gar surreal, weil uns der Dichter „in Milch reisen“ lässt? Wie gesagt, Ólafson spielt mit uns, als wären wir junge Hunde. Und der Dichter, die Dichtersprache? Auch sie ist Thema. „Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen, / ohne die Stille zu durchbrechen. / Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag: / Es ist nur so, / als zöge man ein Kristallglas / an einem Wollfaden / über / einen steinübersäten Strand. “

Es sind keine Trampelpfade, die Ólafsson beschreitet, sondern feine Kieswege, wenn er über die Notwendigkeit von nur wenig Gedichten etwa räsoniert. Das leise Knirschen bleibt im Ohr, wenn man diesen wunderschön gestalteten Band, der von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer übersetzt wurde, nach vergnüglicher Lektüre wieder beiseitelegt. Es ist leise. Es ist unaufdringlich. Es ist liebenswert.

Ragnar Helgi Ólafsson. Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können. Elif Verlag, 2017

http://elifverlag.de/portfolio/ragnar-helgi-olafsson/

Ein Kommentar zu „Ragnar Helgi Ólafsson. Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können

  1. Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    „Es sind keine Trampelpfade, die Ólafsson beschreitet, sondern feine Kieswege, wenn er über die Notwendigkeit von nur wenig Gedichten etwa räsoniert. Das leise Knirschen bleibt im Ohr, wenn man diesen wunderschön gestalteten Band, der von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer übersetzt wurde, nach vergnüglicher Lektüre wieder beiseitelegt. Es ist leise. Es ist unaufdringlich. Es ist liebenswert.“
    Herzlichen Dank, Kerstin Fischer, für diesen Leseeindruck!

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