Sabine Prilop. Schnee am Gänseliesel

Auf einem Schulgelände in Göttingen wird ein Frankfurter Pharmareferent mit einem Tanto Messer, einer Kampfwaffe der Samurei-Krieger, getötet. Eine Kokainübergabe missglückt, demzufolge, wie der Leser erfährt. Aber der Stoff ist verschwunden. Die an Schizophrenie erkrankte Elena, die unmittelbar nach der Tat einem ebenfalls getöteten Hund einen Altar errichtet, könnte alles beobachtet haben. Aber sicher sind sich die Kommissarinnen Regula Fach und Simone Böhm nicht. Und die Verdächtigungen gegen den Kleindealer Nico, bleiben sie haltlos? Herzstück im Labyrinth der Ermittlungen der Mordkommission ist das Drogenmilieu der südniedersächsischen Universitätsstadt. Es wird regiert von dem „Wächter“, der Beziehungen in die Führungsetagen bedeutender Firmen und Verwaltungen unterhält.

Sabine Prilop ist ein durchgängig spannender Kriminalroman geglückt, in dem alles immer wieder wie auf Messers Schneide zu stehen scheint. Von feiner Hand findet sich ein Konstrukt aus Brutalität inszeniert, mit seinen tragenden Säulen Macht, Geld, Eifersucht und Habgier. Mit äußerster Sorgfalt wird dazu detailliert die Polizeiarbeit geschildert.

Aber es gibt auch einen humorigen Unterton, der taktvoll daherkommt und sich nicht erlaubt, übermächtig zu werden, in einem Roman, der mit überraschenden Wendungen aufwartet. Den Psychogrammen skurriler Typen, lebensprallen Ermittlern und Kriminellen kommt man darin gleichermaßen auf die Schliche. Und das Finale ist grandios und macht dem Titel des Romans alle Ehre.

Sabine Prilop. Schnee am Gänseliesel. Wellhöfer Verlag, 2017

http://www.wellhoefer-verlag.de/?Krimis/Schnee_am_G%26auml%3Bnseliesel

 

 

 

Christoph Danne. Aufwachräume

Der Blick eines Reisenden legt Spuren in das, was er sieht. Diese Spuren fangen die Gedichte des Lyrikbandes Aufwachräume von Christoph Danne auf. Port Said, Tripoli, Rom, Westflandern etwa  oder Santa Ana werden so über Miniaturbeobachtungen des Alltagslebens in einem bunt geschliffenen Glas gespiegelt. Das macht diese Lyrik nicht nur eindrücklich, sondern auch authentisch, wenn sie das vielleicht auch gar nicht sein will, eher venezianische Masken liebt, die erst auf einer Metaebenen heruntergenommen werden. „vor der säuferbodega von hemingway / werden rasselnd die stühle / von der kette gelassen / und in den lungen einzwei dauerläufer / steckt noch morgenluft / .

Selbst das Skurrile nimmt man demzufolge als bare Münze.  „es war an der zeit manches / in kleinere kisten zu / packen um nicht alle / tage so schwer zu / heben um für den / fall einer reise oder eines / rohrbruchs vorbereitet zu / sein es war an der /

Dannes Lyrik ist entdeckend, wühlt dabei grandiose Bilder aus sandigen Böden, die in ihrer poetischen Kraft beeindrucken, aber wie Federn schweben, die der Wind wie zufällig verteilt. „unter glühendem fels / die eidechsen und das meer / um die stämme sammeln sich / ameisen bilden staaten/ das geräusch im unterholz / trugen wir mit uns fort“.

Die Überschriften der einzelnen Gedichte lesen sich zuweilen wie knappe Notizen aus einem Reisetagebuch.  Über die dazugehörigen Texte gewinnen sie eine ungewöhnliche Leuchtkraft, die das pars pro toto in einen Weltzusammenhang webt, der den eher kurzen, schönen Gedichten Charisma verleiht, das anhänglich macht. „gelb fahl kränkelt der mond / schleppt sich auf seine bahn / und wir versuchen / ein gespräch /

Nichts ist zögerlich, alles scheint überschaubar, selbst das Unwegsame. Sogar die Ränder des Metaphysischen, die Danne nicht ausspart. Weil sie ihn beeindrucken? Das verrät er uns nicht. Sie sind einfach da, müssen nicht hinterfragt werden, dürfen nüchtern dahingleiten.

Dennoch: „sag es bleibt wenn / wir fort sind / sag dass jenes / rätsel einmal gelöst / von neuem sich stellt / .

Christoph Danne. Aufwachräume. Parasitenpresse, 2017

https://parasitenpresse.wordpress.com/2017/04/25/christoph-danne-aufwachraeume/

Hendrik Rost. Das Liebesleben der Stimmen

„Welt ist explodiert in der Fiktion“ heißt es in dem Gedicht Delinquenten. Die Zeile ist übertragbar auf die gesamte, in diesem Band enthaltene Lyrik, die wie ein aufgeschlagener Stein daherkommt, der in seinem Innersten prächtige Amethysten birgt. Sie findet sich in sieben Teile gegliedert, die überschrieben sind etwa mit „Ich habe Göttinnen gesehen“ oder „Honig für den Sturm.“ Die Themenwechsel in den einzelnen Gedichten sind rasant, deren Technik mit den Zungen der Gegenwartslyrik leckt.  Nicht selten entstehen dabei beachtliche Vexierbilder, die in ihren Verschränkungen zu experimentieren scheinen.

„Am Morgen ging ich früh zur Promenade. / Ein Sprung kopfüber in das eisige Wasser / nach dem Rausch und das Herz setzte / kurz aus. Schlag, dachte ich tauchend, / schlag, und fand mich selbst im Tausch.“

Rosts Gedichte sind gereift an Alltags- und Naturbeobachtungen. Komponiert sind sie aus deren  Vielstimmigkeit, die sich unter anderem aus den Lauten von Tieren, Landschaften, Gegenständen und Träumen speist.

„Auf unserem Staubsauger ritt ich mit, / wenn er mit dumpfem Urlaut durch die / Zimmer gezogen wurde, warmer Wind / wehte aus der Geschichte – “

Und hier und da überraschen sie mit philosophischen Erkenntnissen.

„Es hat sich mit der Erde / gedreht und Gelerntes in das dunkle verschlossene / Gedächtnis verschoben, in dem Abbilder von allem / als Todesahnung ruhen. Es weiß von alters her, “

Die Vibrationen der Seele, die zum Schweigen verurteilt ist, über Jahrtausende hinweg, sucht Rost so in eindrucksvoller Weise einzufangen.

„mit dem Wind oder dagegen? Ein großer Hund / kommt auf uns zugerannt und mit ihm die alte Angst, “

Klar konturiert liegt alles in der zugeteilten Zeit, die nicht ohne Metaphysik auskommt.

„Die Chamäleons haben als Geschöpfe / einen Platz zwischen Engeln und Menschen.“ Transzendenz wird zur Naturbeschreibung und ist hautnah zu spüren in den Zeilen dieses Lyrikers. Aber sie wird  auch immer wieder infrage gestellt. Der Nebel der Ungewissheit darüber bleibt zwar unbenannt, aber die Choreographie seiner Illusion im Konzert der Stimmen ist glänzend inszeniert und kreist um die Stimme des Dichters selbst, die bei all ihrer beeindruckenden poetischen Kraft überaus klar und präzise ist.

Hendrik Rost. Das Liebesleben der Stimmen. Wallstein, 2016

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317772-hendrik-rost-das-liebesleben-der-stimmen.html

 

 

 

 

 

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck.

Der elfjährige Lennard wird getötet aufgefunden. Es ist an dem pensionierten Kommissar Jakob Franck, der Mutter die Todesnachricht zu überbringen. Damit wird das Glück einer ganzen Familie ermordet. Die dabei entstehenden Schreie der Mutter werden im Spiegel ihrer Erinnerungen inszeniert, die wie eine Parallelwelt anmuten, in der Lennard immer noch Fußball spielt. Das schneidet auch in die Seele der Leser, denn „Alles, was von der Meerzeit übrig war, hing verstaubt in einem Netz an der Decke des Kinderzimmers“. Die Aufklärung des Falles steht in diesem Kriminalroman gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wird mehr zu einer begleitenden Musik, einem Requiem.

Das bewährte Ermittlerteam Franck, Block und Holland arbeitet darin hochtourig, auch wenn Ani es lange auf unfruchtbarem Boden graben lässt. Gleichwohl tun sich hier weitere Abgründe in der Familiengeschichte des Mordopfers  auf, die nach Strategien sucht, um mit dem Tod des Kindes fertigzuwerden.

Die Versuche bleiben erfolglos, die metallene Dunkelheit lässt sich nicht abschlagen, und sie wird ewig anhalten. Die Eingeweide des Leidens sind darin meisterhaft ziseliert.

Wo bleibt darin der Gott?  Auch diese Frage wird gestellt in diesem poetischen Kriminalroman, der  seine metaphorischen Schlaglichter auf die Angehörigen eines Mordopfers wirft. Diese Gewichtung hebt ihn heraus. Friedrich Ani hat darin die Melancholie meisterhaft inszeniert. Sie wird zum stillen, grauen Traum, der den Überlebenstrieb der Figuren vergiftet, sie bis zum Schluss taumeln lässt.

Friedrich Ani. Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck. Suhrkamp, 2017

http://www.suhrkamp.de/buecher/ermordung_des_gluecks-friedrich_ani_42755.html

 

 

Sigune Schnabel. Apfeltage regnen.

„Ich atme Worte / aus dem Echo der Berge.“ Ein allumfassendes Weltgefühl flackert durch die Gedichte von Sigune Schnabel, wie man es aus der Romantik kennt. Die Worte, die Kindheit, und immer wieder die Natur gären darin in einem klaren Rhythmus, dessen Schönheit etwas von dem gleichmäßigen Gang der Wellen eines beruhigten Meeres hat. Und Wellen und Meer sind auch und gern Thema.

„Ich bin ein Stück Land / in weiter See, / und die Gedanken Gräser / auf den Deichen.“

Einige Gedichte sind wie Weidenglanz, aus anderen tropft die Schönheit schwarzer Rosen.

Alles hat seinen Platz und ist in einen Kosmos komponiert, der sich über das Werden und Vergehen hinwegzusetzen scheint.

Das vermeintlich Spektakuläre sucht man vergebens in diesen Texten, die gleichsam schlicht als auch brillant daherkommen, auch scheinen die Beobachtungen des Lyrischen Ich nicht exklusiv. Exklusiv aber ist die Herangehensweise mit der die Lyrikerin hier Innenschau betreibt, einen Entwurf gibt von dem Ineinanderfließen von Psyche, Natur und Zeit.

„Ich habe mich leer gewintert, / sage ich / und bleiche meine Sätze / für dunkle Tage.“

Aber das Lyrische Ich versteht sich dabei auf die Kunst des Zurücknehmens.

„Die Sprache, die ich finde, / legt sich nicht auf die Welt, / bleibt Wind,“

Selbstbespiegelung ist etwas, was man der Lyrik gerne vorwirft, zumal wenn sie wie bei Sigune Schnabel unpolitsch ist. Vergessen wird dabei immer gerne, dass alle Politik im Selbst ihren Anfang nimmt und kein Du ohne das Ich auskommt.

Der Band „Apfeltage regnen“ ist bebildert mit Zeichnungen von Gertraude Nitsch, die die dargestellten Innenwelten mit sehr ansprechenden Farbakzenten bespielen, die in ihrer Intensität an das Werk von August Macke erinnern.

Sigune Schnabel. Apfeltage regnen. Gedichte. Geest-Verlag, 2017

http://geest-verlag.de/buecher/schnabel-sigune-apfeltage-regnen-gedichte-bilder-von-gertraude-nitsch