Willi Achten. Nichts bleibt

Zunächst hat der preisgekrönte Kriegsfotograf Franz Mathys das Leid nur von außen beobachtet, Steinigungen in Somalia etwa oder die Leichen in Srebrenica, und tatenlos zugesehen, während er ruhmsüchtig die Sensationsgier befriedigende Fotos erzeugte. Dies einzig um den gewinnträchtigen Leidvoyeurismus zu bedienen. Gleichwohl ist er angesichts dieses „Horrors“ „versehrt“. Er zieht sich mit seinem Sohn zu seinem Vater auf einen abgeschiedenen Hof zurück. Einziges Highlight:  Die Taubenzucht, die der Sohn abgöttisch liebt. Aber an dieser Liebe erkrankt das Kind lebensbedrohlich an den Lungen. Das Leid, welches Mathys bislang nur versehrt hat, dringt infolgedessen mehr und mehr in ihn selber ein. Obendrein wird sein Vater von zwei jungen Männern brutal zusammengeschlagen und landet auf der Intensivstation. Rachegelüste beginnen Mathys zu beherrschen. Sie leiten einen seelischen Zersetzungsprozess ein, der die gesamte Handlung des Romans dominiert. Der Mensch bleibt darin einer unverständigen Natur ausgeliefert, ihrer Schönheit und ihrer Erbarmungslosigkeit, in dieser Ambivalenz. Wobei die Schönheit immer wieder in diesem famosen Erzählen überwiegt. Und ohne diese Schönheit kann man die grauenvollen Bilder der Folter, der blutrünstigen Tierquälereien und Schlachtungsrituale, die den Text an einigen Stellen zu überfrachten scheinen, kaum ertragen, und ohne diese Schönheit könnte der Ich-Erzähler nicht überleben, ahnt man.  „In den Wiesen blühte Löwenzahn, ein Gelbton, der unter dem dunklen Himmel flackerte.“

Die Rache, mit der er auch glaubt die Kriegsopfer zu rächen und somit seine Schuld des tatenlosen Zuschauens abzuarbeiten, entfernen ihn dabei immer mehr von den Menschen, die er liebt, von seinem Vater, seinem Sohn und Karen, seiner Geliebten, die er an einen reichen Mann verlieren wird. Dem Titel des Buches gemäß bleibt dies nicht der einzige Verlust.

Ein poetischer Kriminalroman, der voller Weisheit steckt und in weiten Strecken an das Erzählen von Knut Hamsun erinnert, vor allem in der Tragik seines aufrechten Ganges.

Willi Achten. Nichts bleibt. Pendragon, 2017

http://www.pendragon.de/book/nichts-bleibt/

Hellmuth Opitz. Engel im Herbst mit Orangen

Die Gedichte von Hellmuth Opitz kolorieren die Wirklichkeit, die zwischen Tagträumen taumelt, die sich in  Alltagserfahrungen spiegeln. „Knips die Müdigkeit an / das Licht aus, ein Flugschreiber / bin ich auf dem langen Weg von / einem Wort zum anderen.“

Dadurch wird das Alltägliche zur Weltformel. „Schau: Tipp-Ex fällt vom Himmel, / Schnee korrigiert die Welt.“

Viele der Verse sind wie Alpenglühen ohne Postkartenkitsch. „Sag, was hast du bloß / unter deiner Stimme an, wenn / mein Name fällt wie blondes Haar: / Trauer Trauer Glück Musik.“ Die Sprache ist klar und hat keine Schnörkel nötig, weil ihre Bilder mächtig genug sind, sich auf elementare Farben zu berufen. Schwermut und Melancholie scheinen darin als Früchte des Seins blau gefärbt. Dabei sind sie nicht harmlos. Ein Zittern an den Abgründen ist zu spüren. „Der Herbst wirft / dunkle Mäntel / über deine Sätze.“

Aber dieses Zittern fängt sich immer wieder in den straff komponierten, klangvollen Gedichten, in denen die Resignation wie ein blasser Ritter erscheint. Dieser Ritter reitet durch die Jahreszeiten, die personifiziert immer wieder zum Thema gemacht werden. „Und dann kam der Januar. Ein riesiger / Kerl. Jesus! Ein Kreuz / wie ein Kühlschrank.“

Und das Zittern fängt sich, wenn das Lyrische Ich zum Flaneur wird, „vorbei an schäumenden Kirschbäumen“, auf der Suche nach dem „Aufputschmittel einer anderen Stadt“. Vielleicht um sich zu retten. Aber hat es Rettung nötig, wenn Verzagtheit gar nicht aufkeimt, Pessimismus optimistisch daherkommt? „Was fang ich an mit diesem an-/ gebrochenen Leben. / Ach Traurigkeit, fahr mich heim.“  Auch da wo Ironiesplitter aufblitzen, wird der Verzagtheit der dunkle Boden entzogen, der, zugegeben, oft gewässert wird, einsame Nächte und Verlassensein sind immer wieder Thema.

In dem Band sind die Gedichte in fünf Teile gegliedert, die mit Überschriften wie etwa „Leicht entflammbares Material“ oder „Die Elektrische Nacht“ überschrieben sind. Wie Fahnen stecken sie auf Inseln, die sich leicht durchschreiten lassen, deren Tiefgründigkeit einem sich dabei aber wie beiläufig an die Fersen heftet und für Nachhaltigkeit sorgt, die der Erde Sinne zuteilt, mit denen sie riechen, schmecken, lieben und verachten kann.

Gedichte faszinieren, wenn man durch ihre Augen erkennen kann, was vorher nur zu sehen war. Wenn man „Engel im Herbst mit Orangen“ liest, kann man erkennen.

Hellmuth Opitz. Engel im Herbst mit Orangen. Pendragon, 2006

http://www.pendragon.de/book/engel-im-herbst-mit-orangen/

Hannah 0´Brien. Irische Nacht

An Saimhain, der Nacht des 31. Oktober auf den 1. November, bleiben die Türen der Häuser auf den irischen Aran – Islands  unverschlossen, und es werden skurrile Kostüme angelegt. Die keltischen Naturgötter wechseln ins Winterlager, und die Geister der Toten kommen zu Besuch. Diese Berührung mit der Anderwelt wird auch in Pattie Burkes Bed & Breakfast gefeiert.  Der erfolgreiche Farmer Michael Lynch ist dort Gast und wird von dem mysteriösen „Green Man“, einem Mann in einem Baumkostüm ermordet. Ein Fall für die kantig liebenswerte Grace O´Malley vom Morddezernat in Galway, ihren Kollegen Rory Coyne und den Privatdetektiv Peter Burke.

Warum hat die Fiedlerin Tessa Kean in der Mordnacht während des Auftritts ihre Band verlassen und wurde erst am Morgen in fragwürdigem Zustand wiedergesehen? An dieser Frage entspinnt sich nur eine der vielen Geschichten, die Hannah O´Brien grandios zu einem Netz verknüpft hat, in der der Täter oder die Täterin am Ende haften bleibt. Auch jene der Traveller, des ungeliebten fahrenden Volkes, spielt darin eine große Rolle. Den Vorurteilen zum Trotz wird hier ein ehrbarer Menschenschlag geschildert, der von großem Familiensinn geprägt ist. Irlandtypisch ist auch das Recht Torf zu stechen. Mit einem dafür eigens gegründeten Verein, der sich gegen Umweltschützer zu behaupten hat, muss sich Grace O`Malley während ihrer Ermittlungen auch noch beschäftigen.

Im Fortgang der Handlung, in dem die Figuren immer mehr und wie beiläufig Farbe erhalten, nimmt der Kriminalroman zunehmend an Tempo auf. Dabei fesselt er auch an die Grüne Insel, denn er ist zudem als Hommage an Irland zu verstehen, in dem die Autorin lange Zeit gelebt hat. Das macht ihn so faszinierend, so schaurig-schön.

Dies ist der dritte Fall, den Grace O`Malley vor der Kulisse der weichen, grünen Weiten und „messerscharfen Klippen“ zu lösen hat.

Hannah O´Brien. Irische Nacht. dtv, 2017

https://www.dtv.de/buch/hannah-o-brien-irische-nacht-21675/

 

 

 

Lucie Flebbe. Totalausfall

Lila Ziegler ist Privatdetektivin und traumatisiert von der Vergangenheit. Sie glaubt, dass in ihrer Kindheit ihre Schwester durch ihre Schuld zu Tode gekommen sei. Und sie war einem gewalttätigen Vater ausgesetzt. Aber ihre Bemühungen, ihn vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen, sind nicht von Erfolg gekrönt. Als sie sich auch noch von ihren Freunden verlassen glaubt, schneidet sie sich die Pulsadern auf, kann aber gerettet werden und stößt auf blankes Unverständnis bei ihrem Lebenspartner und Kollegen Ben Danner. Um der geschlossenen Psychiatrie zu entgegen, lässt sie sich in die psychosomatische Klinik Birkenhain in Bochum einweisen.

Durch die drastischen Schilderungen des Klinikalltags schimmert immer wieder Humor, hier und dort, wo die Geschichte ihn brauchen kann, um sie aushaltbar zu machen. Denn Lucie Flebbe schaut porentief; alles scheint wie mit einer riesigen Lupe betrachtet: Die magersüchtige Romy, der Exrocker Rolf oder der Flüchtling Laurent, Mitpatienten. Alle  wissen, was es heißt, mit Grenzsituationen auf Tuchfühlung zu gehen. Und wie es sich herausstellt, sind sie nicht die einzigen. Auch das zuweilen skurril geschilderte Klinikpersonal hat zu kämpfen in einem Leben, das den Geltungsdrang nährt wie eine Kuh sein Kälbchen.

Die therapeutischen Maßnahmen schlagen bei Lila allerdings so gar nicht an, die sich immer wieder versucht, mit Sarkasmus und Ironie durch den Klinikalltag zu bringen. Erst als eine Psychologin tot aufgefunden wird, steigt ihr Überlebenstrieb wieder wie Phönix aus der Asche. Sie hat einen neuen Fall. Ihr neunter.

Totalausfall ist das letzte Buch in der Reihe um die Privatdetektivin Lila Ziegler. Dafür hat sich Luci Flebbe ein grandioses Ende ausgedacht. Überhaupt hat man es hier mit einem Page Turner zu tun. Spannung von der ersten bis zur letzten Seite ist garantiert. Man darf gespannt sein, was sich diese begnadete Krimiautorin, deren brillant gezeichneten Figuren vor Lebensechtheit nur so strotzen, als nächstes ausdenkt.

Lucie Flebbe. Totalausfall. Grafit Verlag, 2017

http://www.grafit.de/service/programm/buchdetails/titel/totalausfall/

 

Ilma Rakusa. Impressum:Langsames Licht. Gedichte

Diese Gedichte sind wie bunte Tränen, die auf ein Aquarell von der Erde fallen. Immer wieder treffen sie darin auch auf Osteuropa. Sicherlich nicht von ungefähr. Ilma Rakusa ist in Rimavská. Sobota, der Slowakei geboren und verbrachte die frühe Kindheit in Budapest, Ljublijana und Triest.

Der Mensch scheint in dieser Lyrik auf der Welt als einem Platz ausgesetzt, mit dem er sich arrangieren muss, trotz aller Widrigkeiten. Aber, und dies ist die hohe Kunst in den Elfzeilern, den zuweilen wie Sprechgesängen anmutenden Versen oder Gedichtzyklen, der Zustand bleibt ohne Wehklage.

„Spiel ohne Spiegelung? Etwas reibt sich, etwas/berüht sich./ Das Auge dringt fragend in diese/Natur. Sucht ihren Grund. Und sieht: er ist/ Oberfläche. Und sieht er ist Schlund.“

Impressum: Langsames Licht gliedert sich in sieben Teile, die einander ablösend wie das Meer auf das Land treffen. Allesamt sind ihnen Haikus vorangestellt, die, für sich genommen, wiederum ein Gewebe bilden, das sich wie ein versöhnliches Netz über die übrigen Gedichte legt. Dabei erscheint die Welt zuweilen unversöhnlich, „die Hornhaut des Himmels in Kältemetaphern“. Aber die Erbarmungslosigkeit der Natur wird zu einem Phönix. „Vielleicht Brandung mit einer farbigen Steinreihe./Dahinter Wasser, hell oder dunkel wie Tinte,/schäumt und atmet alle Nuancen von Licht.“

Das Licht übernimmt die Rolle der Transzendenz, die erdnah bleibt, gebunden ist in den Steinen, der Sanduhr, der marokkanischen Schale.

Ilma Rakusa ist eine Schauende, keine Sehende, das macht sie bodenständig. Aber sie schaut sehr genau, mit allen Sinnen, und dieses Schauen ist voller Musikalität. „Zitronen, Zeitungsverkäufer mit traurigem/ Blick und ermatteter Zunge. Zigeunerkids./Der Rahmen ist keiner: ein Corso, ein Park,/verschattet. Aber Gerüche gibt´s wie in den/ Küchen der Kindheit: nach geröstetem Mais/und gerösteten Mandeln. Der Wind trägt“.

Dem, was sie über ihr Schauen mitteilt, kann man sich nur schwer entziehen, ohne dass es sich aufdrängt. Dabei ist es laut und leise zugleich, wohltuend fremd und vertraut, wie ein faszinierender Film über die atmenden Poren der Welt.

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht. Gedichte. Mit einem Nachwort von Aleš Šteger. Droschl-Verlag, Graz 2016.

http://www.droschl.com/buch/impressum-langsames-licht/