Im inneren Kreis

 

Zwischen den Palmen von Marbella glätte ich die graue Haut über meinem Leben.

Sie lässt sich von den Farben des Südens täuschen,

dem Rosa des Oleanders und dem Indigo des Wassers,

in dem sich meine hungrige Wüste spiegelt.

Ich presse Muscheln auf die Haut,

um satt zu werden und stille meinen Durst an dem hellen Lachen des Meeres.

Nonnen kreuzen meinen Weg. Der trockene Boden verschluckt den Klang ihrer Schritte.

Das Jenseits muss das berücksichtigen. Es ist stur, den ganzen Tag schon,

seit ich über den inneren Kreis meines Untergangs laufe.

 

Kerstin Fischer

 

Ilse Helbich. Im Gehen

Die Elastizität des Lebens steht auf dem Prüfstein in den Gedichten von Ilse Helbich.

„wenn ich lange geschaut habe / fangen drüben auch die Bäume an weiterzufließen / schwindlig / ich liege still ich schaue dem Fließen zu / ich hänge fest im Blau“. Sie ist angepasst an das Lebensalter, von dem aus geschaut wird. Zu dieser Erkenntnis findet man rasch, wenn man die mehreren Lebensabschnitten entstammende Lyrik der Dichterin zu durchdringen versucht. Was ein Leichtes ist, angesichts der kristallklaren Sprache, die die Schleier von dem Mysterium der menschlichen Psyche nimmt. Immer da, wo sie sich mit der Natur verbinden lässt. Da findet sich auch Wut mit unter. „über die Wiesen gejagt von einem Sturm, / der die Pappeln nicht anrührt, Zorngedanken / mit rasenden Rädern schneiden sie in den Himmel / “

Und es findet sich ein Kind,  –  ein inneres? – das auf den Friedhof blickt. „Ich weiß nichts von den Gestorbenen. Ich weiß / hier ist es so still. Ich möchte auch im grünen Gras liegen / unter den Namenssteinen, die Arme ausgebreitet“, heißt es in einem der famosen Kindergedichte aus dem Jahr 1970.

Und die Liebe? Der Tod kann ihr nichts anhaben, eigentlich, denn vor allem ist sie metaphysisch. Das intendiert das Liebesgedicht aus den späteren Jahren. Ist in den Gedichten dieser Lebensphase ein sich dem Leben Hingeben oder ein sich ihm Ergeben auszumachen? „Grünes Meer hinter geschlossenen Augen. / Grünes Meer von Tönen durchströmt. / Stimmen gleitender Fische.“ Das bleibt der subjektiven Wahrnehmung der Leser überlassen, mit der jeder Schreibende zu rechnen hat. Die Melancholie jedenfalls ist in vielen Gedichten dieses Lyrikbandes schön wie eine Nymphe. „Mein Drinnen geschmolzen. / Ich möchte nicht sterben.“ Und das unterscheidet von etlichen anderen lyrischen Texten, durch die ihr dunkler Atem zieht. Sie bleibt hell, wie eine naturgegebene Kraft, die jedoch nie übermächtig wird, in den seidigen Bildern des in sein Schicksal geworfenen lyrischen Ichs, das sich am Ende dem Schützenden der weisen Patina des Alters sicher sein kann.

„Es ist gesagt, was zu sagen war. Das Andere, das jetzt ist, / entzieht sich den Worten / Tief innen ist jetzt Melodie, die sich dem Nach- / singen versagt.“

Ilse Helbich. Im Gehen. Droschl, 2017

http://www.droschl.com/buch/im-gehen/

Nachtzug

Vor meinem Fenster hält ein Nachtzug. Ich steige aus meinen Träumen

in eines seiner Abteile. Es ist darin ganz hell vom Licht der Hände meines Sohnes.

Es sind Zauberhände. Sie machen aus meinen Gedanken weiße Schmetterlinge.

Sie fliegen zurück an den Anfang der Zukunft,

zu den leisen Stimmen in den Essigbäumen.

Sie gehören den Ungeborenen, die über der Erde treiben wie Seevögel über dem Meer.

Keine Zeit fängt sie. Ihre Mutter heißt Inspiration.

 

Kerstin Fischer

 

Michael Longley. Gefrorener Regen

„Ich liege mit dem Kopf / Über dem Rand der Welt,“. Von dieser Position aus wartet der große nordirische Lyriker Michael Longley mit zuweilen schwer erträglichen Bildern auf. Schwer erträglich, weil sie ungemein gut sind. „Ein Schwefelholz, das Heilige Herz Jesu, / Das stockt, als ein schweres Maschinengewehr / Das Nachtlicht in einem Kinderzimmer löscht; “

Immer wieder ist der Krieg Thema der Gedichte, die mit diesem Lyrikband in einer Übersetzung von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider vorliegen, seine Koexistenz neben dem Frieden, gegen die niemand etwas tut. Vor allem der Nordirlandkonflikt, aber auch der Erste Weltkrieg und der Spanische Bürgerkrieg sind gemeint.

„Begraben zwischen den Wurzeln jenes Olivenbaumes, bist du / Holz und Frucht und der Himmel zwischen dem Geäst, / „ heißt es in einem Gedicht an den in Spanien gefallenen Charles Donnelly.

Tauchgänge der Phantasie könnte man meinen, die Sprache aber ist nicht nur wortgewaltig, sondern im höchsten Maße authentisch, aufrichtig, reißt uns mitten in die Verhältnisse, als seien wir selbst ein Teil von ihnen. Das ist ein hohe, herausragende Kunst dieses Iren. Und Longley versteht es, in das Herz der Natur zu blicken, angesichts des Strandes von Carrigskeewaun etwa, versteht es, es prächtig fusionieren zu lassen, mit dem Menschsein, dem er trotz aller Unzulänglichkeiten sehr zugetan scheint.

„Meine Fußabdrücke und die der Kinder, / Die die Dünen mit dem Wassersaum verbinden, / Zu Sand zermahlen die trockenen Muscheln, Fuß- / Und Fingernagelspäne des Meeres.“

Und was wäre das Menschsein ohne Liebe. Der Feinmotorik dieses Gefühls gibt er ein Muster der Sinnlichkeit, wie es an Originalität kaum zu übertreffen ist. „Könnten meine Ohren nichts weiter hören / Als das Geräusch autonomer / Vorgänge in deinem Körper, / Lunge, Herzschlag, Gedärme, / So würde ich in einen Schlaf gewiegt, / Der ein Leben lang lindert“. Und was wäre das Menschsein ohne Verlust. Der tote Zwillingsbruder wird angesprochen in dem Gedicht „Der Geburtstag“. Die intendierte Klage über die Trauer ist eingebettet in phantastische Naturbeobachtungen. „Zwischen Schilf und Schlankjungfern, Sandkraut – / Sterne zu deinen Füßen, knospende Parnassia?“

Die Tränen, die Longley in seinen Gedichten weint, sie glitzern in der Sonne und schmecken nach dem Salz des Meeres.

Michael Longley. Gefrorener Regen. Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider. Hanser, 2017

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/gefrorener-regen/978-3-446-25450-3/

 

Winterfrage

Die Portraits in Öl stehen im Schnee der Stadt.

Ihre jahrhundertealten Blicke ziehen über die Graffitis der Häuserwände.

Dann lesen sie in den Weissagungen der Kälte.

Aber der Frost ist taub für jedes Gefühl. Er baut Nester in die Jacken der Obdachlosen,

bis sie winseln wie Hunde, die durch die Schatten im Rotlicht der Amsterdamer Straßen schleichen.

Die Tiere beobachten, wie es die Genitalien wund schlägt, das Licht, bei Nacht betrachtet.

Hinter den schweren Holztüren hallt indes das Gelächter der Verstorbenen.

Es macht die Gesichter bleich. Extasy ist en vogue.

Nuttenkrallen klopfen gegen die Scheiben.

Sie brechen das Eis in dem frierenden Hirn des Mannes

mit dem Muttermal über dem Auge, das er Igel nennt.

Er wirft seine schwarzen Ringe in den Rinnstein. Der Vorhang aus Filz ist geschlossen.

Die anderen warten im Eisregen.

 

Kerstin Fischer

 

Gregor Mirwa. Eine Sekunde vor dem Erwachen

„Sprechen wir mit Blättern im Mund / zuerst die Stimmen der Zeichner /“

Eine Sekunde vor dem Erwachen sind die überwiegend erzählenden Gedichte dieses Lyrikbandes entstanden. So die Selbstauskunft des Dichters.

Die Gedichte erinnern an experimentelle Musik, die Präsenz des Zufälligen gibt ihnen in nicht unerheblichem Maße den Rhythmus. Obendrein sind sie geprägt von raschem Themenwechsel zwischen dem Skurrilen und der Alltagsprovinzialität. „Grau und Nässe und Möwen / mit blutverschmierten Witzen an den Schnäbeln / überfallen die immergrünen Abhänge zu den Höfen /“. Ein Hauch von etwas Märchenhaftem scheinen die Versen dabei zuweilen zu umwehen, wäre da nicht jene Logik, an der sie sich gerne wieder ausnüchtern. “so ist nun mal das Leben / eine salzige Pfütze auf dem Flur eine Postkarte / an der Wand“.

Und sie sind unruhig in hinreißender Weise. „Auf ihre Wangen tupft Kälte / wenn sie auf und ab federt, / Plakate ankleben verboten, /“.

Immer hat man beim Lesen das Gefühl, einen aufgebrachten Papagei besänftigen zu müssen, der gerade in einen Käfig eingesperrt wurde. Sein Gefieder schillert in den schönsten, poetischen Farben. Was wäre, wenn er losflöge?

Das Gefieder trägt drei Schattierungen, überschrieben mit „Raum, Schachtel, neue Heimat“, „Film ohne Tonspur“ und „Tronies“. Letzteres lehnt sich an die niederländisch-flämische Malerei ab dem 16. Jahrhundert an, die eine Abwendung von der Auftragsmalerei bedeutete. Portraits durften fortan auch als Mienen oder Fratzen zur Hervorhebung der Charaktereigenschaften gestaltet werden. Mirwas Tronies sind Entwürfe von Charakteren, die vieles offen lassen, das macht sie so anregend, so anziehend, auch in ihrer Blasphemie.

Die Sprache dieser Dichtung ist klar und erlaubt sich bei allem Bildreichtum keine Faltenwürfe. Sie versteckt sich nicht im Detail und schreitet weit aus, bis in einen immer wieder neuen Morgen…

„dann denk daran / was Nizon gesagt / hat dass das / was du schreibst / ist /“.

Gregor Mirwa. Eine Sekunde vor dem Erwachen. Leipziger Literaturverlag 2017

http://www.leipzigerliteraturverlag.de/aktuelles/neuerscheinungen.htm

Sascha Kokot. Ferner

„auf meinen Beinen schläft im weißen Pelz / die Unruhe am Morgen / der Hunger in den Abendstunden / die wärmende Behaglichkeit dazwischen“.

Die Gedichte des Lyrikbandes Ferner sind dunkel grundiert. Sascha Kokot zeichnet ein bleiches Gesicht in diese Dunkelheit. Es lacht nie. Aber es hat schöne Züge, die in den fünf Teilen des Buches unter anderem ausgeleutet werden. Die Menschen darin, das Wir, das Du und das lyrische Ich scheinen verzweifelt, von Ängsten geplagt.“Angst in dir hat sich schon lange / ihren Platz gesucht und schläft dort ruhig / lässt dich unbewacht“.

Und es ist Winter zumeist „doch mir bleibt der Polarfuchs / auf meinem Schoß in sich verschlungen / und meine immer milder werdenden Winter /

Ein Hauch Lyrik Noir – wenn es den Begriff denn gäbe -, die seismographisch ihre Zeit abfühlt, die Unruhe und Rücksichtslosigkeit des urbanen Lebens, ihre Kälte und Tristesse, macht Kokots Gedichte so faszinierend, so eindringlich.

„wir wissen nicht was vonnöten sein wird / fest steht nur die Kälte zieht an / und wir füllen langsam das Schrot / in die Patronen“. Und „halten wir am Auftrieb fest / der uns hier oben trägt / in seinem kalten Bauch“ Die Resignation wird zum Überlebensprinzip, getragen von der Schönheit der Melancholie, die sich in den Gedichten, wie in zerbrochenen Spiegeln abbildet. Die feine Maserung des Blattes auf dem aufwendig gestalteten Buchcover könnte dazu eine Variation bedeuten.

Sascha Kokot. Ferner. Edition Azur, 2017.

http://saschakokot.de/lyrik/ferner

Ragnar Helgi Ólafsson. Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können

 

„Die Wirklichkeit hat angerufen, sie habe genug / von den poetischen Eingriffen des Dichters in ihre / Existenz.“ Der isländische Dichter Ragnar Helgi Ólafsson spielt in seinen Texten und Liedern mit dieser Wirklichkeit, ihrem Alltag, ihren Alltagsbewohnern und mit uns. Er führt uns an der Nase herum. Das ist ganz wörtlich zu nehmen, denkt man an das visuelle Gedicht „Der Unterschied zwischen einer Straße und einer Ringstrasse“ in diesem Lyrikband. Beim Lesen muss das Buch wieder und wieder gedreht werden.

Viele der Gedichte sind wie zarte Adern, die durch einen künstlichen, schönen Körper schimmern, der die Möglichkeiten des Menschseins immer wieder gegen das Licht des Surrealen spiegelt. Eine besondere Kunst seiner Texte liegt darin, dass dieses Surreale, das Ólafsson zu lieben scheint, ganz natürlich daherkommt. Als sei es das Normalste von der Welt. „Die meisten werden in ihrer Gegenwart einen Beruf / und einen festen Wohnsitz haben, / aber während ihrer Freizeit reisen sie durch die Zeit.“

Ist Gott in dieser Gegenwart Philosophie? Das könnte sich der Leser fragen, wenn er das erzählende Gedicht „NOCH EIN PAAR WORTE ÜBER SPIEGEL“anschließt.

Sind wir am Ende selber gar surreal, weil uns der Dichter „in Milch reisen“ lässt? Wie gesagt, Ólafson spielt mit uns, als wären wir junge Hunde. Und der Dichter, die Dichtersprache? Auch sie ist Thema. „Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen, / ohne die Stille zu durchbrechen. / Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag: / Es ist nur so, / als zöge man ein Kristallglas / an einem Wollfaden / über / einen steinübersäten Strand. “

Es sind keine Trampelpfade, die Ólafsson beschreitet, sondern feine Kieswege, wenn er über die Notwendigkeit von nur wenig Gedichten etwa räsoniert. Das leise Knirschen bleibt im Ohr, wenn man diesen wunderschön gestalteten Band, der von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer übersetzt wurde, nach vergnüglicher Lektüre wieder beiseitelegt. Es ist leise. Es ist unaufdringlich. Es ist liebenswert.

Ragnar Helgi Ólafsson. Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können. Elif Verlag, 2017

http://elifverlag.de/portfolio/ragnar-helgi-olafsson/

Sabine Prilop. Schnee am Gänseliesel

Auf einem Schulgelände in Göttingen wird ein Frankfurter Pharmareferent mit einem Tanto Messer, einer Kampfwaffe der Samurei-Krieger, getötet. Eine Kokainübergabe missglückt, demzufolge, wie der Leser erfährt. Aber der Stoff ist verschwunden. Die an Schizophrenie erkrankte Elena, die unmittelbar nach der Tat einem ebenfalls getöteten Hund einen Altar errichtet, könnte alles beobachtet haben. Aber sicher sind sich die Kommissarinnen Regula Fach und Simone Böhm nicht. Und die Verdächtigungen gegen den Kleindealer Nico, bleiben sie haltlos? Herzstück im Labyrinth der Ermittlungen der Mordkommission ist das Drogenmilieu der südniedersächsischen Universitätsstadt. Es wird regiert von dem „Wächter“, der Beziehungen in die Führungsetagen bedeutender Firmen und Verwaltungen unterhält.

Sabine Prilop ist ein durchgängig spannender Kriminalroman geglückt, in dem alles immer wieder wie auf Messers Schneide zu stehen scheint. Von feiner Hand findet sich ein Konstrukt aus Brutalität inszeniert, mit seinen tragenden Säulen Macht, Geld, Eifersucht und Habgier. Mit äußerster Sorgfalt wird dazu detailliert die Polizeiarbeit geschildert.

Aber es gibt auch einen humorigen Unterton, der taktvoll daherkommt und sich nicht erlaubt, übermächtig zu werden, in einem Roman, der mit überraschenden Wendungen aufwartet. Den Psychogrammen skurriler Typen, lebensprallen Ermittlern und Kriminellen kommt man darin gleichermaßen auf die Schliche. Und das Finale ist grandios und macht dem Titel des Romans alle Ehre.

Sabine Prilop. Schnee am Gänseliesel. Wellhöfer Verlag, 2017

http://www.wellhoefer-verlag.de/?Krimis/Schnee_am_G%26auml%3Bnseliesel